Eine Rezension zu Frank Adloffs: Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise. Perspektiven der Sozialwissenschaften im ökologischen Wandel.

Lutz Goetzmann

Y – Z Atop Denk 2026, 6(7), 3.

Abstract: Die folgende Rezension betrachtet Frank Adloffs Auseinandersetzung mit der aktuellen Klimakatastrophe in seiner 2026 erschienenen Monografie Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise. Perspektiven der Sozialwissenschaften im ökologischen Wandel. Darin gibt Adloff zunächst einen Überblick über die gegenwärtige soziologische Literatur zum Klimawandel und die verschiedenen, in der Regel kapitalismuskritischen, Strömungen. Insbesondere die gesellschaftliche Positionierung von Wissenschaftler:innen, die gewissermassen in ihrer Identität als „academic citizens“ skizziert wird, macht dieses Werk für die Leserschaft der Y-Zeitschrift interessant: Wie lassen sich wissenschaftliche Neutralität und bürgerliches Engagement verbinden? Adloffs Buch schließt mit Überlegungen zur „Konvivialität“, also dazu, wie ein zukünftiges Zusammenleben in ökologisch orientierten Gesellschaften aussehen müsste.

Keywords: Klimakatastrophe, Soziologie, Kapitalismuskritik, Marx, academic citizens, lyrische Soziologie, Konvivialität

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Veröffentlicht: 30.07.2026

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1.

Frank Adloff ist Soziologe, Professor für Soziologie an der Universität Hamburg, der bereits eine Vielzahl Publikationen zur Klimakrise vorlegte. Eine Bemerkung in diesem neuen, ebenso hervorragenden wie aufwühlenden, inspirierenden und für die Sozialwissenschaften, so auch für die Psychoanalyse und wohl auch für eine engagierte Philosophie wichtigen Buch hatte mich besonders betroffen: Feuchte Hitze ist bereits heute tödlich – selbst für gesunde Menschen (S. 68 f.): Ab einer bestimmten Kombination von Temperatur und Luftfeuchtigkeit kann unser Körper seine eigene Kerntemperatur nicht mehr regulieren, so, als würden wir ab diesem Punkt von innen heraus verglühen. Die Pilgerfahrt nach Mekka im Sommer 2024 mit über 1300 Hitzetoten liefert ein alarmierendes Beispiel. Wie zu erwarten, tötet die Hitze vor allem Personen mit Atemwegs- und Herzkreislaufproblemen; alternde Gesellschaften sind daher besonders betroffen. Und während ich die Rezension zu Frank Adloffs Buch schreibe, kommen ständig Nachrichten über die Kriege in Europa und Nahost: Bilder mit brennenden Öltanks, Städte, auf die schwarzer Ölregen fällt, zerbombte Häuser, Ruinen aus Beton. Menschen, die über Tote klagen. Man weiß: Kriege setzen gigantische Mengen an klimaschädlichen Emissionen frei. Russlands Krieg in der Ukraine verursachte bisher Emissionen in Höhe der jährlichen Gesamt-Emission eines Staates wie Frankreich. Diese zusätzlichen Emissionen tragen zu der tödlichen Hitze, zu Dürre, Stürmen und anderen Folgen, welche unsere Lebensgrundlagen zerstören, Wirtschaften destabilisieren und Migrationswellen auslösen, wodurch wiederum neue bewaffnete Konflikte wahrscheinlicher werden (S. 29). Wer diese Passagen in Adloffs Buch liest, riskiert, dass der Wahnsinn unserer Zivilisation depressiv und fassungslos macht, und dass die täglich einströmenden Nachrichten, wenn sie auch allesamt in unserer Gesellschaft, was die konkrete Wirkung angeht, zu verhallen scheinen, vor dem Hintergrund der Lektüre noch erschreckender wirken.

Jedenfalls spricht Adloff – und das ist einer seiner Kernthesen, die er als Ausgangspunkt für seine weiteren soziologischen Überlegungen nimmt – von einem „Ende der Moderne, wie wir sie kannten“ (S. 57). Unsere moderne Gesellschaft, die geprägt ist von Fortschrittsglauben, individueller Selbst-Entfaltung und Optimierungsstreben, stößt nicht nur an ihre Grenzen, sondern schaufelt sich ihr eigenes Grab. Wer diese Kassandra-Rufe hört – und sich nicht das Wachs der Verleugnung, also der Ignoranz trotz besseren Wissens – in die Ohren stopft, muss diese Überlegungen Adloffs sehr ernst nehmen. Was er fordert, ist ein radikales Umdenken. Wollen wir die Menschheit erhalten, braucht es eine kollektive Verantwortung. Denn die aktuellen Krisen sind, so Adloff (S. 59), keine isolierten Phänomene. Sie sind vielmehr Ausdruck einer umfassenden, einer globalen Krise, welche die Grundlagen der Moderne untergräbt: Mit einer Politik, die sich nicht-nachhaltig, sondern kapitalistisch und autoritär oder autokratisch gibt. Adloff beschreibt eine Polykrise: Klimawandel, Bio-Diversitätsverlust, Umweltverschmutzung, soziale Spaltungen, Kriege und die Gefährdungen der Demokratie (S. 7). In dieser Situation dürften die Sozialwissenschaften – und hier zähle ich auch die Psychoanalyse klar zu den Sozialwissenschaften – nicht lediglich Beobachtende am Rande des Geschehens stehen, sondern sind vielmehr gefordert, gleichfalls „aufs Spielfeld zu gehen und auszusprechen, was wirklich und damit objektiv der Fall ist, aber auch was möglich erscheint und was normativ geboten ist.“ (S. 9). Adloffs soziologische Position kann hier Vorbild sein – auch für die Psychoanalyse oder eine engagierte Philosophie – und ebenso für eine Kulturwissenschaft, die das Ökologisch-Soziale in den Blick nimmt.

 

2.

In Zeiten sozialer und ökologischer Verwerfungen, so Adloff, sind im Grunde gleich zwei Perspektiven nötig, welche den Blick auf die Gegenwart, aber auch in die Zukunft werfen: „Klare Analysen der Realität, um einschätzen zu können, wo wir stehen – und Analysen des Möglichen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wohin wir gehen oder gehen könnten.“ (S. 10). Was die zweite, also die Zukunftsperspektive angeht, sagt er:

„Gesellschaften können nur dann widerstandsfähiger, gerechter und konvivialer werden, wenn sie sich auf die Ungewissheit der Zukunft vorbereiten, planetaren Grenzen respektieren und eine Kultur der Verantwortung entwickeln. Wir benötigen längerfristige Perspektiven, um der apokalyptischen Klaustrophobie der Klimakatastrophe zu entkommen und eine Möglichkeitsraum für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte zu skizzieren.“ (S. 11).

Adloff beschreibt nun verschiedene Formen einer ökologischen Modernisierung, die in der Vergangenheit versucht wurden, etwa im Sinne eines „grünen Kapitalismus“ (so des „New Deals“ der Europäischen Union). Die Bilanz dieses grünen Kapitalismus sei aber „mehr als ernüchternd“: Der Ausbau der erneuerbaren Energien hatte keineswegs zum Verzicht auf fossile Energieträger geführt, sondern ist lediglich eine weitere Quelle, um den unersättlichen Energiehunger der Industriestaaten zu stillen. Aber auch Konzepte wie u. a. Degrowth, Konvivialität, Buen Vivir, Solidarische Ökonomie oder Neuer Animismus, die keine Erneuerung des Kapitalismus, sondern dessen schrittweise Überwindung anstreben, bieten keine die Gesellschaft mobilisierende Visionen. Außer der Modernisierung und Transformation lässt sich – leider – noch eine weitere Strategie beobachten – nämlich, dass die Industrie-Gesellschaften einen autoritär-autokratischen Weg einschlagen, der den Klimawandel nicht bekämpft, sondern vielmehr den fossilen Lebensstil regressiv verteidigt, indem sie die ökologische Last sowohl in den Globalen Süden wie in die Zukunft externalisieren (S. 31) – eine Strategie, die in den USA überdeutlich wird und sich auch in Europa, etwa in Deutschland, sowohl in der rechtskonservativen, die Interessen der fossilen Industrie vertretenden Politik und im erschreckenden Zuwachs der rechtsextremen, klimafeindlichen Parteien zeigt. Die Forschung zeigt, dass nationalistische Einstellungen besonders starke Prädiktoren für die Ablehnung von Klimaschutzmaßnahmen sind (S. 35). So schreibt Adloff:

„Im Zuge solcher Kontrollpraktiken ziehen sich globale Eliten in geschützte Enklaven zurück, während die verwundbaren Mehrheiten von Hungersnöten, Kriegen, Stürmen, Überschwemmungen oder Dürre bedroht sind. Klimaanpassung wird auch militärisch vollzogen, indem benötigte Ressourcen kriegerisch, akquiriert und abgesichert werden.“ (S. 31).

Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er sagt:

„Diese Projekten der autoritär neoliberalen Rechten basieren auf einen ethischen Partikularismus, bei dem einige wenige Menschen im Norden gerettet werden können, während andere – vornehmlich im globalen Süden – weitgehend auf der Strecke bleiben“ (S. 32).

Somit bedeutet der Klimawandel auch eine politische Katastrophe. Wir befinden uns wie Antonio Guterres, die UN-Generalsekretär, sagt, auf einem „Highway to Hell“ (S. 35). Wie gesagt, Adloff zieht hier den Schluss, dass der Fortschritt, wie wir ihn kannten, längst Geschichte ist. Es bleibt nur der Versuch, diese Katastrophe einzudämmen. Es sei erinnert: Mit Klimakatastrophe ist – im Gegensatz zur Klimakrise – gemeint, dass es sich eben nicht nur um eine begrenzte ökologische, sondern um eine soziale Katastrophe handelt (S. 35), vor welcher die meisten Menschen, jedenfalls sehr viele, lieber die Augen verschließen, gleichwohl diese alles tun, um das Hereinbrechen dieser Katastrophe zu beschleunigen bzw. ihr Ausmaß zu vergrößern.

Adloff kommt auf die sozialwissenschaftliche Forschung zu sprechen und gibt hier einen Überblick über bisherige Ansätze (S. 41 ff.). Als Psychoanalytiker habe ich diese Passagen aus einer Perspektive gelesen, dass Psychoanalyse nicht nur eine Therapie ist – im Sinne der „analytischen Psychotherapie“ – sondern Theorien, Modelle und Forschungsansätze liefert, um z. B. die Gesellschaft – oder auch andere Phänomene wie die Kunst oder Religion – besser zu verstehen (Freud, 1904). Psychoanalytische Forschung – letztendlich in der Tradition Freuds wie der Frankfurter Schule – liesse sich somit auch als Teil der Sozialwissenschaften, verstehen, der sich – im weitesten Sinne – mit Unbewusstem auf der individuellen wie kollektiven Ebene beschäftigt. In der Soziologie selbst gibt es, wie gesagt, eine Reihe von Ansätzen zur Klimakatastrophe. Hier sei beispielhaft die Analyse genannt, die Jason W. Moore, ein US-amerikanischen Soziologe und Umwelthistoriker vorlegte. Nach Moore ist es das kapitalistische System mit seiner Wachstumslogik, welches die Natur ausbeutet und zerstört. Dabei zielt das „Gesetz der billigen Natur“ darauf ab, Arbeit und Energie, die aus der Natur stammt, konsequent in Kapital umzuwandeln (Moore 2020, S. 28). Moore spricht hier von den „Billigen Vier“, nämlich Arbeit, Energie, Nahrung und Rohstoffe, die ausgebeutet werden. Das Problem ist aber nun, dass der Kapitalismus ständig neue Ressourcen erschließen muss, um den Zufluss von billiger Arbeit, Energie, Nahrung und Rohstoffen zu gewährleisten. Bisher konnte der Kapitalismus diese Erschöpfung der Ressourcen abfedern, indem er ständig neue Quellen erschloss, wie sich dies momentan in Venezuela oder im Iran, auch in Grönland oder im Donbass zeigt. Gesucht ist aber, so Adloff (S. 64), ein Wirtschaftssystem, dass dieser Logik der Ausbeutung von Menschen und Natur nicht folgt. Er ruft vielmehr dazu auf, aktiv den Möglichkeits- bzw. den Spielraum für Transformationen zu erforschen und damit Antworten auf die Bedrohungen entwickeln, die durch die zerstörte Natur entstehen. Es geht um eine neue Erzählung, welche den Realismus mit einem offenen Zukunftshorizont verbindet. Selbst nach dem sozio-ökologischen Kollaps (von dem die „Kollapsologie“ spricht) könnte in den Trümmern der Zivilisation, d. h. in einer „post-apokalyptischen Zeit“, neue Möglichkeiten des Lebens entdeckt werden. Hier haben die Sozialwissenschaften und m.E. auch die Psychoanalyse – eine doppelte Aufgabe, wie Adloff sagt: „Sie müssen einerseits lineare Fortschrittsnarrative überwinden und Kollapsszenarien ernst nehmen, andererseits bestehende Handlungsspielräume aufzeigen.“ (S. 90). – Dafür aber braucht es ein langfristiges Denken, dessen Horizont Jahrzehnte umfasst – ein Denken, das weder nur präsentisch (d. h. auf die Gegenwart bezogen) noch apokalyptisch ist (S. 98). Adloff spricht hier von einer „Futurität“, also im Sinne einer „Offenheit für Zukünfte“. Hier bringt er Lears Konzept der „radikalen Hoffnung“ ins Spiel: Diese richtet sich – im Angesicht der Zerstörung – auf eine Futurität, indem sie etwas Gutes oder Positives antizipiert, „für das allen, die eine solche Hoffnung hegen, bislang die angemessenen Begriffe zum Verständnis fehlen“ (Lear 2000, S. 155): „Radikale Hoffnung übersteigt das Vermögen, zu erkennen, wohin sie genau besteht. Man hofft auf etwas, ohne genau wissen zu können, worauf genau sich die Hoffnung bezieht.“ (S. 99)

 

3.

Es folgen nun zwei zentrale Vorschläge: 1.) der Vorschlag einer „Bricolage“ kurz- und langfristiger Strategien, eine Art „schrittweises, tastendes Handeln, das zugleich langfristige Folgen bedenkt.“; 2.) der Vorschlag einer „Konvivialität“, und zwar im Zeitalter des Anthropozäns, in welchem der Mensch der wichtigste Einflussfaktor auf diUmwelt geworden ist. Die Bricolage umfasst einerseits eine ökologische Modernisierung, andererseits aber auch längerfristige Maßnahmen, um die sozial-ökologischen Katastrophe abzuwenden bzw. zumindest abzumildern. Es braucht also zugleich Strategien der Anpassung wie eine massive Resilienzsteigerung (S. 103). In einer kurzfristigen Perspektive von 10-20 Jahren, so führt Adloff aus, sind pragmatische Maßnahmen i. R. einer ökologischen Modernisierung angezeigt (so etwa der Ausbau erneuerbare Energiesysteme, die Errichtung von Resilienz in Infrastrukturen oder die Etablierung nachhaltiger Landwirtschaftspraktiken). Es braucht wirksame Instrumente, die verbindliche Ausstiegspläne formulieren und die Verbote fossiler Technologien durchsetzen. Leider ist die Idee einer „Großen Transformation“ – etwa in Sinn einer konsequenten Dekarbonisierung, radikaler Gesellschaftsveränderungen und der Abkehr vom Kapitalismus – aus heutiger Sicht unrealistisch (S. 105). Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Menschen nicht eine Politik wählen würde, welche die nötigen Maßnahmen blockiert oder das Rad zurückdreht. Adloff setzt hier aber auch auf das Unvorhersehbare:

„Doch das gesellschaftlich Mögliche liegt im Unvorhersehbaren: Man kann heute noch nicht antizipieren, welche sozialen und technologischen Innovationen kommen werden, wie sich zivilgesellschaftliches Engagement entwickelt, welcher politische Druck aufgebaut und welche Investitionsentscheidungen getroffen werden. In diesem Zusammenhang gilt es den Blick von einer absoluten Unmöglichkeit (das große Ganze in kurzer Zeit ändern zu wollen) hin zu einer differenzierten, zeithorizontlich abgestuften Einschätzung zu verschieben. Gesellschaftlich politisch und sozial wissenschaftlich braucht es einerseits einen ‚Realitäts-‘ und einen ‚Möglichkeitssinn‘ (Musil), die sowohl das Fortbestehen fossile Strukturen und Interessen und die Notwendigkeit kleine kurzfristige Schritte anerkennen, als auch die Dringlichkeit und Möglichkeit großer langfristiger Wandlungsprozesse betonen (Bricolage).“ (S. 105).

Der zweite Vorschlag zielt auf eine „Konvivialität im Anthropozän“ (S. 174 ff.). Hier tritt Adloff in die Traditionslinie von Latours Gaia-Hypothese Diese beschreibt die Erde als einen sich selbst regulierenden Organismus, in welchem Leben und abiotische Faktoren durch komplexe Rückkopplungen verbunden sind (Latour 2017, S. 172 ff.). Latours (u. a. 2018) zentrale Idee lautet, dass der Schutz des fragilen Gaia-Systems eine Wiederherstellung unserer zutiefst beschädigten Beziehungen zu den diversen Kompartimenten der Erde erfordert – also zu den Regenwäldern, Ozeanen, Biodiversitätszonen, zu den Tieren und den Böden. Seine Idee zielt ab auf eine tiefgreifende Neuorientierung unseres politischen und gesellschaftlichen Systems. In diesem Sinne fordert Adloff die Sozialwissenschaften auf, „Natur und Gesellschaft nicht länger als getrennte Sphären zu denken, sondern ihre Verwobenheit anzuerkennen.“ (S. 181). Zugleich zeigt sich für ihn, „dass die ökologische Krisen Konstellation langfristig nur durch eine radikale Neubestimmung von Politik wissen und Handlungsfähigkeit im planetaren Maßstab bewältigt werden kann“ (S. 181). Gesellschaftsanalyse ist dann die Analyse von Kollektiven, die sich aus menschlichen wie nicht-menschlichen Akteuren zusammensetzen. Dies erinnert nicht zuletzt auch an die Psychoanalyse der Umweltbeziehungen, die Harold F. Searles (u. a. 2016) entwickelt hatte.

Im Grunde geht es um eine „Ethik des Kollapses“ (S. 182). Mit Hans Jonas argumentiert Adloff, dass wir dafür eine „Heuristik der Furcht“ benötigen (Jonas 1979, S. 50). Das drohende Unheil muss vorstellbar sein, und zur gesellschaftlichen Verantwortung zählt es, die „Pflicht zu Furcht“ ernst zu nehmen, d. h. zur Furcht um dasjenige, wofür wir Verantwortung tragen – Furcht um das Leben selbst (Jonas, 1979, S. 192). Jean Pierre Dupuy (2022) radikalisierte mit seinem Plädoyer für einen „aufgeklärten Katastrophismus“ diese Perspektive: Wenn wir uns von heute aus in die Zukunft projizieren, um von dort aus zurück auf die Gegenwart zu schauen, dann würden wir sehen, „wie momentan alles auf die Katastrophe zuläuft“ (S. 183). Aus dieser Perspektive müssten Zukunftsvorstellungen wirklich Furcht auslösen. Ökologische Bewegungen wie die Letzte Generation haben, so Adloff, diese Pflicht zu Furcht durchaus ernst genommen und ihre Aktionsformen daran ausgerichtet – etwa mit Straßenblockaden oder Kunstaktionen, um die Klimakrise erfahrbar zu machen. Unglücklicherweise werden diese heute mit Geld- und Haftstrafen verfolgt (Deutschlandfunk 2025).

Nun zum zweiten Vorschlag, der auf dem „Konzept der Konvivialität“ beruht. Kurzgefasst, besagt das (erste) Konvivialistische Manifest: „Niemand steht für sich allein, niemand kann sich von anderen unabhängig machen“ (Adloff u. Claus, 2014)1. Die vier Prinzipien des Konvivialistischen Manifests von 2014 lauten:

  • das Prinzip der Achtung gegenüber der Menschenwürde, und dass wir alle derselben Menschheit angehören;
  • das Prinzip der Sozialität, welches besagt, dass unser größter Schatz in der Qualität sozialer Beziehungen liegt;
  • das Prinzip der Individuation, welches besagt, dass wir alle uns voneinander unterscheiden,
  • das Prinzip, Konflikte auf eine nicht-eskalierende Weise auszutragen

Das zweite Konvivialistische Manifest fügt weitere Prinzipien hinzu:

  • das Prinzip der gemeinsamen Natürlichkeit; das heißt, dass Menschen nicht in einem Verhältnis der Äußerlichkeit zur Natur leben, sondern Teil der Natur sind und sich in einem Verhältnis der wechselseitigen Abhängigkeit befinden;
  • der allgemeine Imperativ, die menschliche Hybris einzuschränken, d. h. Maßlosigkeit und Allmachtsstreben zu bekämpfen und nicht als gegeben hinzunehmen (Konvivialistische Internationale 2020).

Konviviale Freiheit fragt also danach, wie wir unsere Abhängigkeit von der Natur so gestalten können, dass sie für alle – für uns Menschen wie für die nicht-menschlichen Wesen – eine lebensfördernde Atmosphäre herstellt: „Die konviviale Freiheit“, so Adloff, „fordert daher eine radikale Umkehr: Nicht die Durchsetzung individueller Interessen, sondern der Schutz der Würde alles Verletzbaren – künftiger Generationen, marginalisierter Gemeinschaften, nicht-menschliche Lebensformen – muss erste Maxime werden.“ (S. 208). Und er fährt fort: „Vor jedem Freiheitsanspruch steht das fundamentale Gebot, Leid und Grausamkeit zu vermeiden.“ (ebd.). Daraus folgt: „In einer Welt radikaler Verflechtung wird damit die Vermeidung von Grausamkeit zur ersten politischen Pflicht, und der Schutz der Würde alles Verletzbaren zum ethischen Maßstab.“ (S. 209).

 

4.

Hier stellt sich die Frage, was die Rolle der Sozialwissenschaften angesichts der Klimakatastrophe ist: „Sollte man alleinig Fakten präsentieren, sollte man eindringlich warnen, sollte man bestehende Verhältnisse kritisieren, oder sollte man gar selbst als Aktivistin eingreifen und deutlich politisch Partei ergreifen?“ (S. 166). Adloff plädiert für einen pluralen Ansatz: Einerseits sollte es der Soziologie darum gehen, gesellschaftliche Praktiken, Strukturen und Diskurse zu beobachten, zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären. Andererseits jedoch sind Sozialwissenschaftler:innen immer auch „Teil der Lebenswelt“, die sie beobachten (S. 166).

Adloff bezieht sich auf die „positionierte Soziologie“ (Hoppe 2023). Katharina Hoppe beschreibt eine Soziologie, die besagt, dass wissenschaftliche Praxis immer schon politisch sei – entweder die Verhältnisse stabilisierend oder diese destabilisierend. Darum sollte die eigene Position seitens der Wissenschaftler:innen ständig reflektiert werden. In diesem Sinne plädiert Adloff „für eine erneuerte, interdisziplinär orientierte, öffentliche, normativ reflektiert und positionierte Soziologie“ (S. 169), und betont: „Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht weniger durch monolithische Theoriegebäude als durch den produktiven Austausch und die Rekombination unterschiedlicher Perspektiven.“ (S. 170).

Könnte man hier nicht auch von einer positionierten, öffentlichen und engagierten Psychoanalyse sprechen – als einem Zweig der Sozialwissenschaften, der sich mit dem Unbewussten des Kollektivs beschäftigt und nicht alleine über den Großen Anderen nachdenken, sondern auch über die Wahrheit des Subjekts sprechen kann. In diesem Fall gäbe es nicht nur eine „Soziologie im Anthropozän“, sondern ebenso eine „Psychoanalyse im Anthropozän“ – also in jenem Zeitalter, in welchem unsere Subjektivität die gesamte Welt – nicht nur die soziale, sondern auch die nicht-menschliche – gestaltet, von der Zerstörung der Biodiversität bis zur Zerstörung der Gletscher, Meere und der Berge, und welche Möglichkeiten es gäbe, diesem Todestrieb entgegenzuwirken. Wäre es nicht Aufgabe einer „positionierten Psychoanalyse,“ das Reale dieser gigantischen Destruktivität zu fassen, diese im symbolischen Register zu begreifen.

Inspiriert durch Adloffs Schrift, sehe ich die Aufgaben einer solchen Psychoanalyse: Sie könnte die Spuren des Realen benennen, den Widerstand zum Thema zu machen, soziale Alternativen der Konvivialität aus psychischer Sicht mitentwerfen. Sie könnte zur Verantwortungsübernahme des Subjekts – und zwar des individuellen wie des kollektiven – beitragen. Sie könnte dieses Subjekt hoffnungs- und handlungsfähig machen. Sie könnte zu dem Bewusstsein beitragen, das nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch eine Naturnähe, eine Beziehung zur Umwelt bereits in der Kindheit wichtig sind.

So benötigen nicht nur die Sozialwissenschaften, wie Adloff sagt (S. 176), eine grundlegende ontologische Neuausrichtung, welche die traditionelle Trennung von Kultur und Natur überwindet, sondern auch die Psychoanalyse. Harold F. Searles (2016) hatte diese Entwicklung bereits vorgedacht, indem er die unbelebte wie belebte Umwelt in ihrer Bedeutung für die menschliche Seele herausstellte. Es bräuchte also nicht nur eine „radikal inklusive Gesellschaftstheorie“ (Schroer 2022), sondern ebenso eine „inklusive psychoanalytische Theorie“, die den Raum des Lebens in der Psyche und die Psyche im Raum des Lebens verortet. Es bräuchte also, so lässt sich Adloffs Schrift entnehmen, eine neue „Psycho-Ontologie der Dinge“, welche uns in die Natur und die Natur in uns einbettet. Und wer könnte dies besser vermitteln als die Eltern oder jene Erzieher:innen, die für die Bildung der Kinder zuständig sind. Warum keine angewandte Naturkunde im Kindergarten? Transdisziplinär gedacht, könnten Forschende – mithin auch Psychoanalytiker:innen, Philosoph:innen und Kunstschaffende – sich als „academic citizens“ verstehen – also gesellschaftliche Verantwortung in einer Zeit übernehmen, in welcher die Menschheit mit der Möglichkeit ihrer Selbstauslöschung konfrontiert wird (S. 190).

Frank Adloffs ebenso kompakt wie engagiert verfasstes Buch oszilliert ständig zwischen einer Schilderung der disparaten und schrecklichen Zustände, zu deren Akzeleration wir tagtäglich beitragen, und Ansätzen, die doch eine gewisse Hoffnung zulassen. So schwankte ich selbst bei dieser Lektüre zwischen fassungsloser Depressivität – und einem hoffnungsvollen „Trotzdem“. Dieses „Trotzdem“ folgt André Greens Logique de l‘Espoir, der Logik der Hoffnung, die auf der Annahme gründet, dass unbewusste Wünsche in Erfüllung gehen könnten (Green 2011). Vielleicht folgt auch eine der abschließenden Bemerkungen Adloffs dieser Logik der Hoffnung: „Auch wenn wir im Kampf gegen das Überschreiten der planetaren Grenzen scheitern, kommt es darauf an, in Würde zu scheitern. Die Erhaltung von Selbstachtung fordert von uns auch angesichts von Scheitern und Vergeblichkeit das Richtige zu tun, einfach, weil es das Richtige ist.“ (S. 209). Diese Bemerkung erinnert auch an Lacan: Dass das Ziel der psychoanalytischen Behandlung ein Minimum an Scham sein könnte (in: „Die Kehrseite der Psychoanalyse“). Žižeks (2025, S. 306) eigenwillige, weil linke Interpretation lautet: Scham ist das Gegenteil von Schamlosigkeit (die sich heute in der Ausbeutung der Erde, in den absurden Kriegen zeigt – und alles auf Kosten der Menschen), und so rückt die Scham auf die Seite jener Würde und Selbstachtung, in deren Geist Frank Adloffs Schrift verfasst wurde.

 


Der Begriff der Konvivialität stammt aus dem Lateinischen: convivere bedeutet so viel wie zusammenleben, und Konvivialität ließe sich am ehesten mit Geselligkeit übersetzen.


Rezensiertes Werk

Adloff, Frank (2026): Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise. Perspektiven der Sozialwissenschaften im ökologischen Wandel. Bielefeld: transkript-Verlag.

 

Literaturverzeichnis

Adloff, Frank u. Leggewie, Claus (2014): Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens. Bielefeld: transkript-Verlag.
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2898-2/das-konvivialistische-manifest/ [21.07.2026]

Dupuy, Jean Pierre (2015): „Aufgeklärte Unheilsprophezeihungen. Von der Ungewissheit zur Unbestimmbarkeit technischer Folgen“. In: Gerhard Gamm u. Andreas Hetzel (Hg.): Unbestimmtheitssignaturen der Technik. Bielefeld: transcript-Verlag, S. 81 bis 102.

Freud, Sigmund (1904): Über Psychotherapie. In: GW 5, S. 13-26.

o.A. (2025): „Letzte Generation. Klimaaktivisten müssen rund 400.000 Euro Strafe zahlen – plus 700.000 Prozesskosten“. In: Deutschlandfunk (Nachrichtenmeldung vom 25.11.2025).
https://www.deutschlandfunk.de/klimaaktivisten-muessen-rund-400-000-euro-strafe-zahlen-plus-700-000-prozesskosten-100.html [21.07.2026]

 

Autor:in: Lutz Goetzmann, Prof. Dr. med. Psychoanalytiker (SGPsa/IPV), ist in eigener psychoanalytischer Praxis in Berlin tätig und hat seit 2014 eine apl. Professur an der Universität zu Lübeck inne.

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