Der Todestrieb als Maske der symbolischen Ordnung
Luigi Burzotta
Y – Z Atop Denk 2026, 6(7), 1.
Abstract: Wie Lacan im Seminar II gesagt hat: „die symbolische Ordnung strebt nach dem Jenseits des Lustprinzips, außerhalb der Grenzen des Lebens, und deshalb setzt Freud sie mit dem Todestrieb gleich. [...] Der Todesinstinkt ist nichts anderes als die Maske der symbolischen Ordnung, da er, wie Freud schreibt, stumm ist“. In diesem Vortrag aus dem Jahr 2017 kommt Luigi Burzotta mehrfach auf diese Aussage zurück und zeigt, wie der Todestrieb in Lacans Seminar VII anhand der symbolischen Ordnung erklärt wird. Zu diesem Zweck zeigt Burzotta auf, wie Lacan jedes Element des von Freud eingeführten psychischen Apparats in den Dienst der Logik des Signifikanten stellt. Im Zentrum des so neu formulierten psychischen Apparats steht das Ding, ein leeres und unerreichbares Zentrum, um das die Signifikantenketten kreisen, geschaffen durch jenes Reale, das aus der Entfremdung der ersten Begegnung mit den ersten Worten des Anderen hervorgeht. Am Ende seines Vortrags erörtert Burzotta, wie Lacans Aussage zu verstehen ist, wonach der so formulierte Todestrieb schöpferisch sein könne.
Keywords: Psychoanalyse, Todestrieb, Symbolische Ordnung, Lacan
Übersetzung: Gualtiero Badin
Copyright: Luigi Burzotta | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0
Veröffentlicht: 30.09.2026
Artikel als Download:
Y - Z Atop Denk 2026, 6(9), 1
Vortrag Luigi Burzottas
Claus Dieter Rath, der hier neben mir sitzt, ist ein in Berlin praktizierender Psychoanalytiker, mit dem wir schon seit jeher zusammenarbeiten, nämlich seit der Gründung von Cosa Freudiana, dem psychoanalytischen Verein, aus dem das heutige Istituto Laboratorio Freudiano hervorgegangen ist. Derzeit ist Dr. Rath, der ein Zentrum für psychoanalytische Studien in Berlin leitet, auch Vizepräsident der Fondation Européenne pour la psychanalyse, deren Vorsitz ich derzeit selbst innehabe und in deren Vorstand wir beide seit Langem tätig sind; wir pflegen daher einen sehr engen beruflichen Austausch, und obwohl er deutscher Staatsbürger ist, fällt es mir schwer, ihn als Deutschen zu betrachten, da er hervorragend Italienisch spricht. Wenn ich an ihn denke, sehe ich in ihm einen engen Freund, mit dem ich zahlreiche berufliche Erfahrungen im Bereich der Psychoanalyse teile . Ich werde noch etwas mehr über Dr. Rath sagen, bevor sein Vortrag beginnt; im Moment befindet er sich hier neben mir, und ich freue mich sehr, dass er da ist.
Das Thema, das Dr. Rath für seinen Vortrag gewählt hatte – die Sublimierung –, deckte sich mit dem Thema, das in unserem Leseprogramm zur Ethik der Psychoanalyse vorgesehen war: der Todestrieb, den Lacan als schöpferische Sublimierung versteht. Dies berührt ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, da ich seit jeher unter dem Einfluss des Abschlusses des Seminars II, Das Ich in Freuds Theorie und in der Technik der Psychoanalyse, stehe, das auf die Jahre 1954-55 zurückgeht: Zwischen den beiden Seminaren liegen etwa fünf Jahre, denn das Seminar über Ethik stammt aus den Jahren 1959-60.
Lacan schließt dieses Seminar II ab, indem er die symbolische Ordnung gegenüber der imaginären hervorgehoben und das Moi vom Je unterschieden hat, mit einer Argumentation, die mich von Anfang an interessiert und in ihren Bann gezogen hat und von der ich mich nicht mehr lösen konnte. Das gesamte Seminar II dreht sich um den Vorrang des Symbolischen, sodass ich am Ende, in direkter Übersetzung aus der SeuilAusgabe, lese:
„Hier münden wir in die symbolische Ordnung ein, die nicht die libidinöse Ordnung ist, in der sowohl das Ich als auch die anderen Triebe verortet sind; die symbolische Ordnung strebt nach dem Jenseits des Lustprinzips, außerhalb der Grenzen des Lebens, und deshalb setzt Freud sie mit dem Todestrieb gleich“ (Lacan 1978 [hier und im Folg. Übers. v. L. B. ins Ital. und in Folge v. G. B. ins De.]).
Hier scheint es mehrdeutig zu sein: Es ist nicht ganz klar, ob es sich um das Jenseits des Lustprinzips handelt, das Freud mit dem Todestrieb gleichsetzt, oder um die symbolische Ordnung, doch dies wird später klarer. „Die symbolische Ordnung wird von der libidinösen Ordnung zurückgewiesen, die den gesamten Bereich des Imaginären einschließlich der Ich-Struktur umfasst“, Achtung hier: „Der Todesinstinkt ist nichts anderes als die Maske der symbolischen Ordnung“, Lacan spricht nicht von Todestrieb, sondern schreibt ausdrücklich Todesinstinkt: „Der Todesinstinkt ist nichts anderes als die Maske der symbolischen Ordnung, da er, wie Freud schreibt, stumm ist.“. Freud macht in Jenseits des Lustprinzips tatsächlich genau diese Unterscheidung zwischen dem lautstarken Eros und dem stillen Thanatos.
Lacans These hat nicht nur den Reiz eines Sophismus, sondern offenbart ihre Überzeugungskraft in ihrer Formulierung:
„Der Todesinstinkt ist nichts anderes als die Maske der symbolischen Ordnung, da er stumm ist, das heißt, da er nicht verwirklicht ist … Solange die symbolische Anerkennung noch nicht hergestellt ist, ist die symbolische Ordnung per Definition stumm, die symbolische Ordnung, die zugleich nicht existiert und darauf besteht, verwirklicht zu werden.“ (Lacan 1978).
Ich kenne diesen Abschnitt seit 1978, dem Jahr, in dem Séminaire II in Frankreich erschien, und diese These Lacans hat mich tief beeindruckt; sie wurde, soweit ich weiß, in den folgenden Jahren nicht mehr aufgegriffen, zumindest nicht in derselben Form.
Die Vorlesung aus der Ethik der Psychoanalyse über den Todestrieb, mit der wir uns heute beschäftigen, scheint mir genau in diese Richtung zu gehen oder zumindest auf diese Frage zurückzukommen, ausgehend von der Beziehung des Neurotikers zur Zeichenordnung; denn sie sagt uns, dass wir beim Neurotiker das Ça parle, das Es spricht, in Aktion sehen, das heißt, dass etwas im Unbewussten spricht. Lacan betont dieses sprechende Es bis in die letzten Jahre seiner Lehrtätigkeit, denn dieses Ça parle verschmilzt mit der täglichen klinischen Praxis im Umgang mit Neurotikern. Diese Einleitung erschien mir zu Beginn dieser Vorlesung sinnvoll, in der Lacan die symbolische Ordnung mit der „Vernunft“ gleichsetzt; das ist nichts Neues, er hat dies bereits bei anderen Gelegenheiten getan, doch hier beginnt er mit einer Gegenüberstellung von „Bedürfnis“ und „Vernunft“, die er in einem Aufsatz von Karl Marx gefunden hat.
Karl Marx sagt in seiner Analyse von Hegels Rechtsphilosophie, dass die von Hegel gefundene Lösung, obwohl sie die Organisation des modernen Staates sehr brillant erkläre, dennoch nicht überzeugend sei. Bei Hegel finden wir nämlich, dass Familie, Gesellschaft und Staat jene Instanzen sind, die die positive Bestimmtheit des Rechts aufweisen, sich aber in moralische Ideale umsetzen lassen. Marx sagt in seiner Analyse, dass Hegel keine ausreichende Lösung biete, denn zwar bringe er das Bedürfnis und die Vernunft in Einklang, jedoch geschehe dies nur auf politischer Ebene, während die Dinge in der Praxis nicht ganz so abliefen. Marx vertritt in der Zusammenfassung, die Lacan hier davon gibt, die Ansicht, dass der Mensch in der Realität entfremdet sei, weil er seinen Bedürfnissen und seinem Schicksal ausgeliefert sei. In seiner Gesellschaftsvision hingegen strebt Marx nach einem ganzheitlichen Menschen, bei dem diese Bedürfnisse und diese Vernunft im Alltag in Einklang gebracht werden. Doch alle Vorschläge, die Marx gemacht hat, hätten keine Wirkung gezeigt, sagt Lacan; die Dinge seien so geblieben, wie sie waren. Lacan hat sich bereits in seinem Seminar Das Begehren und seine Deutung zum Begriff des Bedürfnisses geäußert, wo er uns etwas ganz Einfaches sagte: Das Begehren ist das, was die Frage vom Bedürfnis ablöst, denn in Freuds Entdeckung liegt die Äquivalenz zwischen Frage, Vernunft und symbolischer Ordnung; doch handelt es sich dabei um etwas, das von Anfang an, ab ovo, gegeben ist und sich in einer unbewussten Position befindet, wo diese Vernunft bereits eine eigene bedeutungsgebende Gliederung aufweist.
Lacans Lehre über den Signifikanten setzt, in Anlehnung an Freud, voraus, dass ausgehend von einer primären Verdrängung, die einen Signifikanten und nicht ein Gefühl oder eine Emotion betrifft, somit ausgehend von diesem verdrängten Signifikanten das gesamte Gerüst unbewusster Signifikanten aufgebaut wird, das dort existiert, unbekannt und unbewusst für denjenigen, der es trägt, und das vielmehr den Ursprung seiner Subjektivität bildet.
Wir haben also diese Struktur, diese uns unbekannte Vernunft in uns, und sie steht, wie Lacan sagt, in Beziehung zu einer derart strukturierten Realität, dass man erst in einem zweiten Schritt die Bedürfnisse einordnen muss, sodass das Verhältnis zwischen Bedürfnis und Vernunft aus einer anderen, umgekehrten Perspektive betrachtet wird.
Mir hat der Einstieg von Lacan in diese Vorlesung gefallen, weil er seine Lehre vom Signifikanten anhand von Marx’ Analyse von Hegels Werk einführt, und das erscheint mir gut durchdacht.
Hier sind wir noch nicht bei dem spezifischen Thema der Aliénation angelangt, wie es im Seminar XI von 1964 behandelt wird, denn hier in der Ethik beschränkt sich Lacan darauf zu behaupten, dass die Aliénation nach der Freud'schen Auffassung struktureller Natur ist, dass die Aliénation strukturell ist. Die Entfremdung ist also nicht das Ergebnis einer unzureichenden politischen und sozialen Ausrichtung, wie Marx Hegel vorwarf, sondern strukturell.
Im Seminar XI von 1964, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, behandelt Lacan das Thema der Entfremdung in etwas anderer Weise und erklärt, dass wir bereits entfremdet sind, sobald der Signifikant im Feld des Anderen auftaucht (siehe meine Erläuterungen unter der Abbildung von Lacan).
Sobald das erste Andere, nämlich die Mutter, ein Wort ausspricht, sind wir bereits entfremdet. Denn das Kind steht vor einer zwingenden Wahl: Entweder akzeptiert es den Sinn dessen (S1), was die Mutter ihm sagt, doch dann wird ein Großteil davon verdrängt (S2) und zieht es mit sich in die Aphanisis, oder es klammert sich an sein Sein, lehnt den Sinn ab, um seine Ganzheit zu bewahren. Doch auch in diesem Fall verschwindet es im Unsinn, weil es keinen Platz im symbolischen Universum (dem Feld des Anderen) findet, in das es nur als gespaltenes Subjekt eintreten kann. Es ist unser Schicksal, gespalten zu sein, denn wir sind der Klinge jenes Messers unterworfen, das uns dem Schnitt der Bedeutung (S1) aussetzt, der uns entfremdet und uns somit zusammen mit dem (S2), was davon verdrängt wird, verschwinden lässt. Es ist eine zwingende Entscheidung, denn es gibt keine Möglichkeit, unsere Integrität zu bewahren, ohne aus der von der Bedeutungsordnung geregelten menschlichen Gemeinschaft zu verschwinden.
Das Subjekt ist also in (S1) und (S2) gespalten, und in dieser Spaltung artikuliert sich die Funktion des Begehrens, das seinem Wesen nach paradox und widersprüchlich ist. Es ist diese problematische Art und Weise, in der sich das Begehren in der Freudschen Erfahrung darstellt, und so versteht man, wie sich jene von Marx für seine Integration angegebene Richtung beim Menschen verkompliziert.
Hier kommt das Problem des Genießens ins Spiel. Begehren und Genießen sind eng miteinander verbunden, in Bezug auf jenen zentralen, unzugänglichen, dunklen und undurchsichtigen Bereich, den Ort jenes Objekts, das zugleich intim und fremd, begehrt und gefürchtet ist: das Ding, unerreichbar und zugleich Ursprungspunkt des Apparats, der aus den Bahnen der unbewussten Signifikanten besteht.
Es handelt sich um denselben psychischen Apparat, der im Seminar XI als eine Art Kappe beschrieben wird, die man über eine Kugel stülpen könnte; er besteht aus einem Netz von Neuronen, die durch Anastomosen miteinander verbunden sind, und in dessen Innerem sich begünstigte Durchgänge bilden, die die Kanalisierung der Investitionen erleichtern, welche wiederum nichts anderes tun, als dieselben begünstigten Wege zu wiederholen, um eine motorische Entladung zu vermeiden und so ein homöostatisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
An dieses System passt sich das Netz der Signifikanten an, die miteinander verbunden sind und dazu neigen, eine Beziehung zu etwas herzustellen, das jenseits davon liegt, sich aber gleichzeitig davon zurückziehen.
Doch wo liegt der Zusammenhang zwischen den bevorzugten Bahnen im neuronalen Apparat und der strukturierenden Funktion der Bedeutungsordnung im psychischen Apparat? Vielleicht im Lustprinzip? „Das Lustempfinden entsteht durch das Wirken dieser erleichterten Durchgänge, der Bannungen, in denen der Durchgang als Lust der Leichtigkeit beschworen wird und als Lust der Wiederholung wieder aufgegriffen wird“ (Lacan 1986). Daraus ergibt sich der Wiederholungszwang: Doch wie können wir diesen Wiederholungszwang von der Funktion der Sprache mit ihren Einschnitten und ihren Rhythmen lösen? Und so kommt es, dass „die durch die Erinnerung hervorgerufene Tyrannei also in unserer Erfahrung nicht die Struktur der Erinnerung verschleiern darf, da diese aus einer Signifikantenartikulation besteht“ (Lacan 1986).
Es bleibt jedoch die Begrenzung für den Zugang zum zentralen Feld des Genießens, in dem sich das Ding befindet, denn der psychische Apparat, der den Gesetzen des Lustprinzips unterliegt, strebt nach Homöostase und kann, um sein narzisstisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, diese Grenze nicht überschreiten, da sich in diesem zentralen Feld „das Genießen nicht bloß und einfach als Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern als Befriedigung eines Triebs darstellt“ (Lacan 1986). Nun ist der Trieb außerhalb der Signifikantenkette nicht denkbar; dort erlangt er die Kraft des Erinnerns und des Vergessens, und seine Neigung zur Zerstörung kann sich in eine schöpferische Sublimierung verwandeln.
Erst durch die Überwindung des Triebs ist es möglich, die Barriere zu durchbrechen und jenes Zentrum zu erreichen, das sich schließlich als Leere entpuppt.
Laut Lacan ist es diese Überwindung, die es Sade – zumindest in der literarischen Fiktion – gelingt, in diesen Bereich vorzudringen. In den Werken von Sade, deren zentrales Thema die Erotik ist, gibt es hin und wieder Abschweifungen, die wie Irrwege erscheinen mögen, die scheinbar nichts mit der Beschreibung erotischer Handlungen zu tun haben, die aber im Gegenteil die theoretische Spannung untermauern, wie das System von Sixtus V, das in Juliette zu finden ist, wo die Hypothese aufgestellt wird, dass der Mensch der Natur in ihrer zerstörerischen Tendenz helfen sollte, um ihr Werk des Wiederaufbaus zu fördern. Sade sagt, dass Krieg, Zwietracht und Verbrechen nicht von der Erde verbannt werden können, sondern vielmehr verstärkt werden müssen, um Leere zu schaffen.
Lacan folgt in gewisser Weise dieser Hypothese von Sade, reinen Tisch zu machen, um jene Leere zu schaffen und die Schöpfung ex nihilo neu zu beginnen. In Wahrheit bedient sich Lacan des langen Zitats des Marquis de Sade, um auf den Todestrieb zurückzukommen, der, wie er uns sagt, in einen historischen Kontext eingeordnet werden muss, der sich ausschließlich aus der Signifikantenkette ableitet.
Laut Lacan ist der Freud'sche Todestrieb als etwas zu verstehen, das über die Tendenz zur Rückkehr zum Unbelebten hinausgeht. Jenseits der energetischen Entropie ist der Todestrieb bei Freud ein direkter Wille zur Zerstörung, ein Wille, bei Null anzufangen, bei etwas Anderem, insofern alles durch die Funktion des Signifikanten in Frage gestellt werden kann. Wenn man diesen Willen zur Zerstörung mit der Funktion des Signifikanten verknüpft, wird deutlich, was wir zu Beginn über den Todestrieb als eine symbolische Ordnung gesagt haben, die darauf wartet, ans Licht zu treten. In diesem Sinne ist der Todestrieb bei Freud ein schöpferischer Trieb.
In den Sitzungen des letzten Jahres zum Seminar über Ethik haben wir im Zusammenhang mit der Sublimierung lange über diese Schöpfung ex nihilo als zentrales Element der Struktur gesprochen, am Beispiel des Töpfers, der aus dem Nichts schafft, und der Vase als einem aus dem Nichts geschaffenen Signifikanten. Das Besondere an dieser von Lacan entfalteten Argumentation ist, dass es eine Signifikantenkette nur gibt, weil es jenseits davon diese Leere gibt, die sie hervorbringt.
Ich habe von dieser Struktur im psychischen Apparat gesprochen, die von einem unaufhörlichen Kreisen von Signifikanten belebt wird, und ich habe in den vorangegangenen Vorlesungen wie ein Mantra darauf bestanden, dass die Vorstellungs-Repräsentanzen die Vorstellungen, die Repräsentationen des Unbewussten sind, die mit signifikanten Elementen verschmelzen und gemeinsam die Vorstellungs-Repräsentanzen bilden.
Es stimmt zwar, dass sie auf der Suche nach etwas umherwirbeln, das sie nie erreichen, weil der psychische Apparat dazu neigt, sein narzisstisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, doch es stimmt auch, erklärt Lacan, dass es ohne dieses Jenseits des Lustprinzips keine Strukturierung des psychischen Apparats gäbe, denn die Bahnen der Signifikanten werden von dieser Leere jenseits des Prinzips erzeugt, die sie gewissermaßen in Gang setzt.
Dennoch scheint Lacan an einer bestimmten Stelle zuzugeben, dass Freuds Todestrieb alles in allem weder wahr noch falsch ist, dass er zweifelhaft ist und dass auch das, was Sade im System von Pius VI sagt, lächerlich ist; denn was könnte es letztlich Armseligeres und Elenderes geben als die Vorstellung, dass menschliche Verbrechen im Guten wie im Bösen zur kosmischen Aufrechterhaltung der horazianischen rerum concordia beitragen könnten?
Das alles ist lächerlich, und doch: Wenn Freud dies jenseits des Lustprinzips entwickelt hat, dann muss ihn doch etwas dazu bewegt haben; daher, so sehr dieser Todestrieb auch verdächtig ist und so lächerlich das ist, was Sade in Juliette sagt, so reicht es doch, wie Lacan uns sagt, dass dieser Todestrieb für Freud notwendig war, damit er ihn an einen grundlegend problematischen Abgrund führt, um eine Struktur aufzudecken.
Ein Hinweis auf jenes zentrale Feld, von dem ich gesprochen habe, jenseits des Lustprinzips, ein zentrales Feld, das von den Bahnen der Signifikanten, die dieses das Ding zu erreichen versuchen, nicht überschritten werden kann. Dieses Zentrum, von dem Lacan sagt: „Ich bezeichne es abwechselnd als das Unüberwindbare und als das Ding zugleich“, kann sich als Leere, als Nichts offenbaren, dank dessen der Todestrieb zu einer grundlegend schöpferischen Sublimierung wird. Alles führt schließlich auf die Frage nach der Ordnung der Signifikanten zurück.
Wenn es eine durch das Lustprinzip geregelte Signifikantenkette gibt, dann gibt es ein Jenseits dieser Kette, aus dem sie hervorgeht, eine Leere, ex nihilo, die ihre Gliederung bewirkt. Diese Leere, die die Schöpfung gliedert, ist eben das Ding.
Dieses das Ding steht am Ursprung der Signifikantenkette, denn hätte es für die kleinen Menschenkinder nicht die Erfahrung des Nebenmenschen gegeben – des Anderen neben ihm, der sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in zwei Teile gespalten hat, in einen beweglichen und einen festen Teil, wobei der feste Teil als feindlich ausgegrenzt und als fremd hinausgestoßen wurde –, würden wir hier nicht über all dies sprechen.
Gäbe es dieses erste Draußen nicht, dieses unvergessliche Andere, das wir ausgeschlossen haben und nach dem wir dennoch weiter suchen, ohne es jemals zu erreichen, hätten wir diese Umlaufbahnen der Signifikantenkette nicht in Gang gesetzt, und es gäbe diesen so strukturierten psychischen Apparat nicht.
Kurz gesagt: Der vom Lustprinzip gesteuerte psychische Apparat, der den Erleichterungen und den Verbindungen durch Anastomosen des neuronalen Systems folgt, ist durch ein Netz miteinander verbundener Signifikanten strukturiert, doch all dies ist nur möglich, weil es dieses Jenseits gibt, und dieses Jenseits besteht aus jenem ersten Akt, mit dem wir etwas aus uns herausgesetzt haben, das zu jenem Ding wird, das mir zugleich nahe und fremd ist.
All dies verleiht dem, was ich Ihnen zu Beginn über die symbolische Ordnung als Todestrieb gesagt habe, der ans Licht zu treten versucht, einen Sinn; genau das erklärt Lacan in diesem Seminar zur Ethik, in dem er das Jenseits des Lustprinzips, wo der Todestrieb wirksam ist, wieder in den Mittelpunkt seines Diskurses rückt. An dieser Stelle fragt sich Lacan:
„Woher stammt dieser Begriff? Diese Perspektive des Feldes, das ich das Feld des Dings nenne? Dieses Feld, in das sich etwas jenseits, am Ursprung der Signifikantenkette, projiziert; dieser Ort, an dem alles, was sein kann, in Frage gestellt wird; dieser Ort des Seins, an dem sich das vollzieht, was wir Sublimierung genannt haben und wofür Freud uns höchstens das einschneidendste Beispiel liefert? Dieser Ort des Werks, um den sich der Mensch auf einzigartige Weise bemüht?“ (Lacan 1986).
Hier findet Lacan einen Ansatzpunkt, um eine Möglichkeit der Überwindung des Unüberwindbaren anhand der Sublimierung der Amor cortese [höfischen Liebe] zu veranschaulichen. Bei den Dichtern der Amor cortese wird die Frau nicht als natürliches Wesen umworben, das mit Vorund Nachnamen erkennbar ist, denn alle Gelehrten der Amor cortese haben erkannt, dass diese Figur, die von den Dichtern cortesi [höfischen Dichtern / Minnesängern] besungen wurde, letztlich für alle dieselben Eigenschaften aufwies: Sie zeichnete sich vor allem durch Fremdheit und Grausamkeit aus, und vor allem handelte es sich um jemanden, der unzugänglich war und nichts von sich preisgab.
Das Besondere an diesen weiblichen Figuren der Amor cortese war schließlich, dass sie sich lediglich auf ein Wesen der Vernunft reduzierten; daher wird verständlich, warum diese Sänger auf der Suche nach etwas sind, das jenseits des Lustprinzips liegt, denn die besungene Frau wird in ein Jenseits verortet; sie ist eine Figur, die nur typische Merkmale aufweist, was Lacan zu der Aussage veranlasst, dass es sich lediglich um ein Wesen der Signifikanten handelt.
In dieser Perspektive, etwas jenseits zu platzieren, eine unüberwindbare Barriere zu schaffen, wird diese Frau der Amor cortese „in die Würde des Dings erhoben“, genauer gesagt, in die Würde eines Signifikanten. Die in der Amor cortese besungene Frau entspricht also keineswegs der Perspektive des Lustprinzips und nimmt jenen Bereich ein, von dem wir zuvor sprachen, jenen zentralen Bereich, den man erreichen will und gleichzeitig nicht erreichen will. Wir alle wissen, dass die Frau in der Amor cortese (die Minne [G. B.]) unerreichbar ist, ein Wesen, dessen Lob man besingt, das dann bestimmten Kanons der Zeit entsprechen muss, und gleichzeitig ist sie eine Frau, die grausam ist und nichts gewährt.
Aus all dem geht klar hervor, dass wir uns auch in der Perspektive der Amor cortese jenseits des Lustprinzips befinden, wo eine schöpferische Sublimierung durch einen ganz und gar konventionellen Stil inszeniert wird, um ein Objekt zu preisen, das in den Rang des Dings erhoben wird.
Diskussion
Johanna Vennemann: Hier gilt die Formel der Sublimierung, das heißt, in der Amor cortese findet die symbolische Erhebung des imaginären Objekts zur Würde des Dinges statt, das real wäre. In diesem Sinne steht die Sublimierung in Beziehung zum Realen.
Luigi Burzotta: Ja, das Reale, das die Leere von das Ding wäre. Was ich zu vermitteln versucht habe, ist, dass dieser Prozess, der in diesen Vorlesungen zwischen Lustprinzip und Realitätsprinzip in Gang gesetzt wird – was Lacan hier ins Spiel bringt, sind jene Signifikanten-Elemente, die dieses Real-Ich, diese psychische Realität, strukturieren – sich dabei auf Freuds Werk Entwurf einer Psychologie stützt, in dem er diese Prozesse wiedergefunden hat, in denen sich der neuronale Apparat durch eine ganze Reihe von Erleichterungen aufbaut, um das zu konstituieren, was Freud Real-Ich nennt, dasselbe, das Lacan im Seminar XI aufgreift, wo das Real-Ich von Lacan durch eine Kalotte dargestellt wird, die als ein Netz aus erleichterten Bahnen auf einer Kugel zu verstehen ist.
Nun strukturiert sich dieser Apparat hier in der Ethik als Real-Ich, gerade dank der Tatsache, dass es dieses zentrale Feld außerhalb des Netzes der Signifikanten gibt, eine Leere jenseits dessen, wo das Ding wohnt, unerreichbar und vielleicht in diesem Sinne real.
Blanca Sofia Bresani: Was hat es mit diesem Satz des Dichters auf sich, der sagt: „Die Leere, die in meiner Kloake herrscht – blast hinein, um zu sehen, ob eure Sublimierung noch Bestand hat“?
Luigi Burzotta: Tatsächlich hat Arnauld Daniel ein kleines Gedicht geschrieben, das wir letztes Jahr gelesen haben, in dem sich die Hirtin an den Hirten wendet, der ihr im Stil des Dichters der Amor cortese vorsang, und sagt: Ja, alles, was ihr sagt, ist in Ordnung, aber wenn ihr bedenkt, was wirklich mein Reales ist, die Leere meiner Kloake, dann versucht doch, hinein zu pusten, sagt die Hirtin zum Hirten-Dichter, und ihr werdet sehen, welche Auswirkungen das hat, ob euer ganzes Gesang noch Bestand hat. Das ist die Leere, von der die Hirtin spricht. Doch die Leere entspricht und entspricht zugleich nicht; diese Leere müssen wir als das Ding begreifen – schlagen Sie das vor?
Blanca Sofia Bresani: Ja.
Luigi Burzotta: An diesem Punkt der Sackgasse der Amor cortese schlägt Lacan einfach eine andere Lösung vor, nämlich die des Marquis de Sade, um nur einen zu nennen: „das höchste Wesen der Bosheit“, worüber er in den folgenden Vorlesungen sprechen wird.
Michelle, o. N.: Ich lese gerade Krankheit als Symbol, wo mich der Satz beeindruckt hat, dass man von der Einbeziehung zur Ausgrenzung übergehen muss: Es ist ein bisschen dieses Lustprinzip, das Homöostase erzeugt, und letztendlich sind beide notwendig, aber wenn man dort verharren bleibt und Angst hat, darüber hinauszugehen, zerstört es einen am Ende; letztendlich muss etwas herauskommen, damit etwas entstehen kann. Ich weiß nicht…
Luigi Burzotta: Ja, das scheint mir zutreffend. Nun, ich hoffe, ich habe euch mit diesen Ausführungen nicht zu sehr ermüdet.
Literaturverzeichnis
Lacan, Jacques (1978): Le Séminaire. Livre II. Le Moi dans la théorie de Freud et dans la technique de la psychanalyse (1954-1955). Paris: Seuil.
Lacan, Jacques (1986): Le Séminaire. Livre VII. L'Ethique de la psychanalyse (1959- 1960). Paris: Seuil.
Autor:in: Dr. Luigi Burzotta, Psychoanalytiker, ist Dozent für psychoanalytische Theorie, therapeutische Klinik und Topologie am Istituto Laboratorio Freudiano per la Formazione degli Psicoterapeuti, dessen Initiator und Gründer er war und dessen Direktor er heute ist. Vorstandsmitglied der Cosa Freudiana. Er ist seit langem Mitglied der Fondation Européenne pour la Psychanalyse und bekleidet dort das Amt des Ehrenpräsidenten. Er ist Mitglied weiterer internationaler psychoanalytischer Vereinigungen und Autor zahlreicher Artikel und Bücher zum Thema Psychoanalyse.
Kontaktinformation:
Übersetzer: Dr. Gualtiero Badin, war nach seinem M. Sc. in Physik an der Universität Triest, Ph.D. an der Liverpool University und einer Forschungszeit an der Boston University und der Princeton University von 2012-2019 als Dozent an der Universität Hamburg tätig. Er ist Mitglied der Freud-Lacan-Gesellschaft und des Psychoanalytischen Kollegs. Er ist Übersetzer aus dem Französischen ins Italienische der Bücher L'ombilic du rêve: d'une pratique de la psychanalyse von Laurence Bataille und Pourquoi y a-t-il de l'excitation sexuelle plutôt que rien von Jean Allouch.
Kontaktinformation:




