Ute Müller-Spiess
Y – Z Atop Denk 2026, 6(7), 2.
Abstract: Sigmund Freud bezeichnete die präodipale Beziehung zwischen Mutter und Tochter noch als konfliktreich. Jacques Lacan sagt unter Wiederaufnahme des Freud'schen Postulats, es handle sich in der Mutter-Tochter Beziehung um eine Form der Verheerung, le ravage, die sich auf ein überschießendes klinisches Phänomen bezieht, im Register der Liebe wiederzufinden ist und sich in der Klinik in vielfältigen Ausdrucksformen zeigt. Ein klinisches Phänomen, das sich an dem Ort repräsentiert, an dem sich das weibliche Genießen der phallischen Ordnung entzieht, sich somit am Saum des Realen einfindet, das kein Diskurs repräsentieren kann.*
Keywords: weibliches Genießen, das Reale, Sinthom, Ravage, Jacques Lacan, konflikthafte Mutter-Tochter Beziehung, Sigmund Freud
Copyright: Ute Müller-Spiess | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0
Veröffentlicht: 30.07.2026
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Y - Z Atop Denk 2026, 6(7), 2
1958 äußerte sich Lacan in seinen Richtungsweisende[n] Themenvorschläge[n] für den kommenden Kongress über weibliche Sexualität in provozierenden Worten:
„Die Vertreterinnen des [weiblichen] Geschlechts scheinen, wie sehr sich ihre Stimme bei den Psychoanalytikern auch laut vernehmbar macht, nicht ihr Bestes gegeben zu haben, um dieses Siegel [der Dunkelheit über dem vaginalen Organ], zu lösen […] sie haben sich generell an Metaphern gehalten, deren hoher Stand im Ideal nichts bedeutet, was es verdient, dem vorgezogen zu werden, was jeder x-Beliebige uns an einer weniger absichtsvollen Poesie anbietet.“ (Lacan 2015a, S. 242)
1972 bringt Lacan in seinem Seminar Encore die These vor, dass das weibliche Genießen eine Erfahrung ist, die durch Sprache und Symbolik nicht vollständig erfasst werden kann: „[…] von diesem Genießen [weiß] die Frau nichts, [und obwohl] man schon ewig lange sie anfleht […] auf Knien, […] es uns zu sagen, naja, nicht 'n Wort!“ (Lacan 2015b, S. 81-82). Dies markiert eine Grenze der Symbolisierbarkeit und verweist auf eine nicht-phallische Dimension dieses Genießens. Hinzu kommt, dass, wenn sie darüber spricht, das Sprechen diese Leere erzeugt, diese Fuge, die sie begehren lässt und das Objekt ins Spiel bringt.
„Es gibt ein Genießen für sie, von dem vielleicht sie selbst nichts weiß, außer dass sie es empfindet“ (Lacan 2015b, S. 81-82). Dies deutet darauf hin, dass das weibliche Genießen eine Erfahrung des Realen bleibt, dass es sich in die Reihe des Realen einschreibt, das kein Diskurs repräsentieren kann. Das weibliche Genießen befindet sich also am Saum des Realen; es fügt sich weder in eine zeitliche Linearität noch in eine logische Konsequenz ein. Es handelt sich um eine Art Savoir-faire im Umgang mit der Wiederholung. Supplementär dazu ist das phallische weibliche Genießen durch seine Einbindung in das Symbolische mit einer Abfolge und einer Einschränkung verbunden.
In seinem Seminar Von einem Anderen zum anderen sagt Lacan:
„Da […] riskiert die Frau – ich habe nicht gesagt, die Hysterikerin, […] denn die Hysterikerin erklärt sich […] nur durch ihre Referenz – riskiert die Frau, wettet die Frau das Genießen. Dieses Genießen ist nicht ihr Genießen, von dem jeder weiß, dass es für sie inaugural und existent ist […], unterschieden von und parallel zu dem Genießen, das sie daher nimmt, dass sie die Frau des Mannes ist, diejenige, die sich am Genießen des Mannes befriedigt.“ (Lacan 2022, S. 459)
Aus dieser Spannung bezieht sie ein zusätzliches, ganz besonderes weibliches Genießen, ein Genießen im Überschuss. Es gibt keine Synthese zwischen diesen beiden Arten, sie überlagern sich nicht. Selbst der Orgasmus ist nicht Ausdruck davon, sondern nur ein Abdruck.
Die „Dualität des weiblichen Genießens“, die Lacan in der Tabelle am Anfang von Kapitel 7 seines Seminars Encore darstellt, ist für die Frau keine Kleinigkeit (Lacan 2015b, S. 85). Es gilt, zwei Momente zu unterscheiden: einerseits das Phantasma, das in die Dialektik des Begehrens eingebunden ist, und andererseits das Sinthom, das sich mit seinem realen Kern dieser Dialektik entzieht. Zwei Sichtweisen: ein genießender Körper und ein sprechender Körper.
* Der Artikel basiert auf einem Vortrag, der am 26.03.2026 am Institut für Philosophie, Psychoanalyse, Kulturwissenschaften (IPPK) mit dem Titel „Die Duplizität der weiblichen Jouissance“ gehalten wurde.
Literaturverzeichnis
Lacan, Jacques (2015a): „Richtungsweisende Themenvorschläge für den kommenden Kongress über weibliche Sexualität“. In: Ders.: Schriften II. Wien/Berlin: Turia + Kant.
Lacan, Jacques (2015b): Encore. Das Seminar, Buch XX. Wien/Berlin: Turia + Kant.
Lacan, Jacques (2022): Von einem Anderen zum anderen. Das Seminar, Buch XVI. Wien/Berlin: Turia + Kant.
Autor:in: Dr. med. Ute Müller-Spiess ist Psychoanalytikerin und Fachärztin für Psychiatrie. Sie ist Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV), der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) und der Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule. Sie ist Psychoanalytikerin in freier Praxis und Autorin zahlreicher Publikationen sowie Vorträge, v. a. zur Lacan'schen Psychoanalyse.
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