Evelina Jecker

Y – Z Atop Denk 2026, 6(5), 1.

Abstract: Biografische Rekonstruktionen legen für eine Reihe der destruktivsten Führergestalten des 20. und frühen 21. Jahrhunderts – Hitler, Stalin, Putin, Trump – ein wiederkehrendes Muster früher Traumatisierungen nahe: körperliche Gewalt oder emotionale Deprivation durch autoritäre Vaterfiguren, defizitäre empathische Spiegelung und narzisstische Instrumentalisierung des Kindes durch die Eltern. Eine systematische Integration psychoanalytischer Narzissmuskonzepte und politischer Faschismustheorien steht jedoch bisher aus. Der Artikel bespricht, ob und wie sich Faschismus als politisch-kollektive Entfaltung malign-narzisstischer Persönlichkeitsstrukturen modellieren lässt. Auf Grundlage einer theoretischen Synthese der Konzepte des malignen Narzissmus (Kernberg 1984, 1992), des „fascist state of mind“ (Bollas 1992), des kollektiven Narzissmus und des autoritären Sozialcharakters (Fromm 1941, 1964) sowie vergleichender biografisch-psychodynamischer Rekonstruktionen der vier genannten Führergestalten wird ein integratives Vier-Bausteine-Modell entwickelt. Die Autorin kommt zum Schluss, dass sich Faschismus als politischer maligner Narzissmus verstehen lässt. Deshalb soll Prävention in der Kindheit beginnen – in der Stärkung von Empathie, Bindung und Würde für jedes Kind.

Keywords: maligner Narzissmus, Faschismus, politische Psychologie, Kernberg, Bollas, autoritärer Sozialcharakter, Großgruppenregression

Copyright: Evelina Jecker | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0

Veröffentlicht: 30.05.2026

Artikel als Download: Y – Z Atop Denk 2026, 6(5), 2

 


1. Einleitung

Gibt es einen Zusammenhang zwischen körperlicher und seelischer Gewalt in der Kindheit und dem politischen Narzissmus erwachsener Diktatoren? Diese Frage kann als der Ausgangspunkt einer psychoanalytisch fundierten politischen Psychologie betrachtet werden, die in den nächsten Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.

Aus der vorhandenen Literatur gibt es inzwischen deutliche Hinweise, dass eine Reihe der grausamsten Führer des 20. und frühen 21. Jahrhunderts ein erstaunlich ähnliches Muster aufweist: körperliche Züchtigungen in der Kindheit, erlebte emotionale Kälte oder ambivalente Überidealisierung durch entscheidende Bezugspersonen, narzisstische Instrumentalisierung des Kindes durch die Eltern. Weiter ist bekannt, dass Kinder, die systematisch abgewertet, erniedrigt, gedemütigt, beschämt oder auch körperlich bestraft werden, häufiger ein fragiles Selbstwertgefühl mit ausgeprägtem Bedürfnis nach Bewunderung und Anerkennung entwickeln – eine Konstellation, die die Entwicklung narzisstischer Züge begünstigen kann. Körperliche Gewalt kann dann bei der Entwicklung pathologisch-narzisstischer Persönlichkeitsmerkmalen eine Rolle spielen, wenn sie regelmässig und brutal vorkommt, mit emotionaler Vernachlässigung und Zurückweisung, Herabwürdigung, Beschämung und fehlender Empathie verbunden ist, und von den wichtigsten Bezugspersonen ausgeht.

Für Adolf Hitler sind die regelmäßigen schweren körperlichen Misshandlungen durch seinen alkoholsüchtigen Vater Alois schon lange nachgewiesen; über Josef Stalin ist es auch bekannt, dass er häufig brutal von seinem alkoholkranken Vaters Beso in Gori verprügelt wurde; für Wladimir Putin sind die körperlichen Strafen des Vaters in der kargen Nachkriegszeit Leningrads gut belegt. Donald Trump hat zwar keine direkte körperliche Gewalt als Kind erlebt, dafür aber eine systematische emotionale Vernachlässigung durch einen Vater, den seine eigene Nichte, die Psychologin Mary Trump, einen Soziopathen nennt, und durch eine Mutter, die nach schwerer Erkrankung in Donald Trumps entscheidenden frühen Lebensjahren emotional abwesend war (M. Trump 2020).

Diese biografischen Ähnlichkeiten sind keineswegs Zufall. Meine Recherchen zeigen, dass die vier Biografien Kombinationen aus frühen Ohnmachts‑/Kränkungserfahrungen, autoritärer, stark leistungs- und dominanzorientierter Erziehung mit späteren Mustern von Identifikation mit Stärke, Dominanz und einem rigiden Freund‑Feind‑Schema aufweisen. Diese Konstellation erleichtert einen späteren Modus, in dem Ambivalenz abgewehrt und innere Konflikte in äußere Feinde ausgelagert werden – das, was Bollas als „fascist state of mind“ beschreibt.

 

2. Das Syndrom „Maligner Narzissmus“ nach Kernberg

Was macht sadistische Führer wie Hitler, Stalin, Putin und Trump so attraktiv für die Massen, dass sich ein Persönlichkeitskult um ihre Personen gebildet hat, und obwohl alle vier grausame Verbrecher sind, diese Diktatoren eine enorme Faszination für gewisse Teile der Weltbevölkerung auslösen? Donald Trump wurde in den USA sogar als Präsident wiedergewählt.
Es zeigt sich, dass bei faschistischen und faschistoiden Führern (wie Hitler, Stalin, Putin und Trump) häufig Merkmale eines ausgeprägten, malignen Narzissmus vorhanden sind. In seinem Werk „Maligner Narzissmus und Grossgruppenregression“ (Kernberg 2019) befasst sich Otto F. Kernberg mit dem Zusammenhang zwischen der Psychologie der Regression in Grossgruppen und ihre Neigung, Führer mit maligner narzisstischer Persönlichkeitsstruktur zu wählen.

Die Merkmale des Syndroms „Maligner Narzissmus“ definiert Kernberg wie folgt:

1. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit all ihren typischen Merkmalen wie pathologisches Grössenselbst, übertriebene Selbstzentriertheit und nicht gerechtfertigtes Überlegenheitsgefühl, starke Manifestationen von Neid auf andere Menschen, Entwertung anderer, gravierende Einschränkungen der Fähigkeit, andere emotional zu besetzen, chronisches Gefühl der inneren Leere, das zur ständigen Suche nach äusserer Stimulation oder einer durch Drogenkonsum oder sexuelle Aktivität vermittelten Erregung führt.

2. Signifikante paranoide Persönlichkeitszüge.

3. Starke ich-syntone Aggression, die sich gegen andere oder gegen das Selbst richtet.

4. Signifikantes antisoziales Verhalten.

Von zentraler Bedeutung sind in diesem Konzept ein grandioses, fragiles Selbst, das durch Spaltung und projektive Identifikation geschützt wird. Feindseligkeit und Neid werden nach außen verlagert und auf „den Anderen“ projiziert.

 

3. Kernbergs Entwicklungsmodell

Kernberg (1984, 1992) postuliert drei zentrale pathogenetische Achsen, die in Kombination zum Syndrom des malignen Narzissmus führen:

Achse 1: Frühe Traumatisierung mit Mangel an Empathie. Das Kind wird in seinen frühkindlichen Bedürfnissen und Wünschen nicht wahrgenommen, sondern erlebt in Ablehnung, Verachtung, Kälte oder gar aktive Gewalt. Es kann sich kein richtiges Vertrauen sowohl in die Verlässlichkeit von wichtigen Bezugspersonen als auch in die eigene Liebenswürdigkeit entwickeln. Stattdessen entsteht (als Schutz vor überwältigender Scham und Ohnmachtsgefühlen) eine primitive, archaische Grandiosität als Abwehr.

Achse 2: Identifikation mit einem aggressiv-grandios-sadistischen Elternobjekt. Wenn ein Elternteil selbst Züge von Grausamkeit, Macht und Sadismus zeigt und diese Merkmale im Familiensystem bewundert und/ oder gefürchtet werden, besteht für das Kind eine spezifische Entwicklungsgefahr: dass der sadistische Elternteil als Vorbild für Kraft, Macht und Überlegenheit idealisiert wird. Das Kind identifiziert sich mit dem Aggressor – und zwar dauerhaft. So wird die Identifikation mit dem Aggressor in das grandiose Selbst eingeschlossen.

Achse 3: Fusion der Aggression ins grandiose Selbst bei defizitärer Über-Ich-Entwicklung. Wenn die ersten beiden Achsen zusammenwirken, bildet sich ein pathologisches grandioses Selbst, bei dem die Gewalt nicht als störend oder konflikthaft erlebt wird, sondern als Teil der eigenen Identität. Das Über-Ich, das diese Aggression kontrollieren sollte, ist entweder unterentwickelt oder durch eine sadistische Introjektion verdreht: Es bestraft nicht Grausamkeit, sondern Schwäche und Empathie.

Strukturell beschreibt Kernberg diesen Vorgang als eine defensive Refusion (Kernberg 1975; Tonkin 1985). Beim pathologischen Narzissmus werden das idealisierte Selbstbild, das ideale Objekt und das reale Selbst zu einem pathologisch grandiosen Selbst verschmolzen, während negative, entwertete Selbst- und Objektanteile verdrängt oder projektiv entsorgt werden. So entsteht eine innere Welt, in der es keine echten, mit eigenem Wert ausgestatteten Anderen mehr gibt. Diese Welt ist nur von Bewunderern, Rivalen oder Feinde eingenommen. Dabei bleibt die Identifikation mit dem sadistischen Elternobjekt ich-synton: Sie wird als natürlicher Teil des Selbsterlebens akzeptiert. Aggression und Dominanz werden nicht abgewehrt, sondern als Stärke idealisiert. Dies ist der entscheidende strukturelle Unterschied zum ‚gewöhnlichen‘ Narzissten: Der maligne Narzisst genießt seine Destruktivität.

Die familiären Muster, die Kernberg (1984, 1992) und nachfolgende Autoren (Ronningstam u. Weinberg 2022; Çifci 2025) beschreiben, weisen trotz individueller Variationen eine charakteristische Grundlinie auf:

Kontrollierende, sadistische Väter: Die Vaterfigur fordert Stärke, Härte, Schmerztoleranz und Unterdrückung von Gefühlen. Trauer, Angst oder Schmerz werden als Schwäche definiert und bestraft. Das Kind lernt seine Verletzlichkeit zu verbergen und Stärke als entscheidende Überlebensstrategie zu entwickeln. Die väterliche Strenge wird nicht als liebevolle Erziehung erlebt, sondern als willkürliche und demütigende Macht, die es durch Härte gilt zu überwinden.

Emotionale Vernachlässigung bei physischer Versorgung: Selbst in materiell gut aufgestellten Familien fehlt die positive emotionale Beziehung zum Kind: Die Mutter ist (aufgrund eigener Traumatisierung, aus Gründen einer Krankheit, einer Abhängigkeit vom Vater oder alles zusammen) nicht fähig, dem Kind die Erfahrung zu vermitteln: Du bist liebenswert, so wie du bist. Oft wird das Kind als narzisstisches Objekt der Eltern instrumentalisiert, es dient als Ersatz für verlorene Kinder, als narzisstische Verlängerung, als Träger elterlicher Kompensationswünschen.

Defizitäre Über-Ich-Entwicklung: Anstelle eines reifen, auf Schuldempfinden basierenden Gewissens entsteht ein primitives Über-Ich, das über Scham – das Gefühl der öffentlichen Bloßstellung – reguliert. Da ein solches Über-Ich keine innere moralische Bindung schafft, bleibt das Verhalten der Person davon abhängig, ob eine externe Sanktion droht oder nicht (ein präautonomes Über-Ich bleibt persistent).

Die Kombination aus narzisstischer Grundstruktur, sadistischer Identifikation und defizitärem Über-Ich ergibt das vollständige Syndrom: einen Menschen, der Macht als Überlebensnotwendigkeit erlebt, Schwäche verachtet, Aggression als Stärke idealisiert und keine innere Bremse für Grausamkeit entwickelt hat.

 

4. Biografische Anwendung: Hitler, Stalin, Putin, Trump

Die folgenden Skizzen sind keine klinischen Diagnosen. Sie sind aus vorsichtiger biografischer Rekonstruktion entstanden. Es werden Muster beschrieben, die im Lichte des Kernberg'schen Modells zu verstehen sind, ohne dass sich daraus zwingend eine klinische Diagnose ergibt. Der Hinweis auf Kernberg selbst ist in diesem Zusammenhang bedeutsam.

 

4.1. Hitler

Adolf Hitlers Kindheit ist vergleichsweise gut dokumentiert (Miller 2022 [1990]; Stone 2009; Çifci 2025). Sein Vater Alois Hitler (selbst das uneheliche Kind einer Dienstmagd, mit unklarer Herkunft und dem Gerücht jüdischer Abstammung behaftet) war ein alkoholsüchtiger, autoritärer, jähzorniger Mann, der seinen Sohn regelmäßig körperlich züchtigte. Michael Stone (2009) und andere Biografen berichten von bis zu 32 Schlägen mit dem Riemen bei einer einzigen Bestrafungsepisode; Adolf Hitler selbst beschrieb stolz, wie er mit elf Jahren entschieden hatte, nicht mehr zu weinen („Ich zählte jeden Schlag“, schrieb er später), und seiner Mutter anschließend berichtete, er habe kein einziges Mal geweint (Simkin, zit. nach ipl.org 2024). Diese willentliche Abspaltung des Schmerzes ist klinisch bedeutsam: Sie markiert den Moment, in dem Kontrolle über Affekte zur zentralen Überlebensstrategie wird – und den Beginn der Identifikation mit dem Aggressor.

Klara Hitler, die Mutter, hatte vor Adolfs Geburt drei Kinder durch Diphtherie verloren. Adolf war insofern ein replacement child (Ersatzkind): Die traumatisierte Mutter projizierte auf ihn einen überidealisierenden Liebesstrom, der gleichzeitig von der Trauer um die verstorbenen Geschwister durchdrungen war. Diese symbiotische Überidealisierung – kombiniert mit der väterlichen Brutalität – ergibt die klassische Kernberg'sche Konstellation: ein grandioses Selbst, das sich aus der Verschmelzung des idealisierten Mutter-Objekt-Bildes und des sadistischen Vater-Introjekts zusammensetzt, während negative, beschämte, ohnmächtige Anteile abgespalten und projiziert werden.

Biografische Rekonstruktionen (Miller 1990; Murray 1943) legen die Hypothese nahe, dass der Hass auf den Vater (und dessen möglicherweise jüdische Abstammung) ein wesentlicher Antrieb für Hitlers antisemitischen Verfolgungswahn war.

Der Historiker und Psychoanalytiker Henry Murray (1979 [1943]) bezeichnete Hitler im Rahmen seiner OSS-Analyse als Vertreter des „counteractive type“ des Narzissmus: eines Persönlichkeitstypus, der durch narzisstische Kränkung und Demütigung angetrieben wird und unablässig Rache und Kompensation sucht. Dieser „counteractive narcissism“ (das durch hartnäckiges Nachtragen von Kränkungen, durch die extreme Empfindlichkeit gegenüber Kritik, und dem Wunsch nach Rache und Anerkennung zugleich gekennzeichnet ist) findet im Kernberg'schen Modell seine Bestätigung.

 

4.2. Stalin

Josef Dschugaschwili, später Stalin, wurde 1878 in Gori, Georgien, geboren – als einziges überlebendes Kind seiner Eltern nach dem Tod dreier vorangegangener Geschwister. Sein Vater Besarion (‚Beso‘), ein Schuster und Alkoholiker, war berüchtigt für seine brutalen Prügel. Die Nachbarn der Familie in Gori erinnerten sich noch Jahrzehnte später an die Schläge, die er dem Jungen verabreichte. Montefiore (2008) schreibt, Stalins Kindheit sei buchstäblich „in Gewalt mariniert“ gewesen. Der Vater warf auf einer Eskalationsstufe sogar einen Hammer nach dem Sohn und verfehlte ihn knapp (Guardian 2014). Als Stalin neun Jahre alt war, schickte ihn der Vater als Kinderarbeiter in seine Werkstatt.

Stalins Vater wird ebenso als gewalttätiger Alkoholiker wie Hitlers Vater beschrieben. Auch Stalin hatte einen ähnlichen Lebensstart wie Hitler: Stalins Vater war, laut dem Biographen und Historiker Alan Bullock, „ein raubeiniger, gewalttätiger Mann, ein Trinker, der Frau und Kind schlug und kaum den Lebensunterhalt verdiente“ (Bullock 1993, S. 15). Stalins Jugendfreund Iremaschwilli schrieb in seinen Memoiren:

„Die ungerechten und schweren Prügel, die er als Knabe bezog, machten ihn so hart und herzlos, wie sein Vater es war. Da er überzeugt war, dass jeder, dem irgend jemand Gehorsam schuldete, seinem Vater gleichen müsse, entwickelte er bald eine tiefe Abneigung gegenüber allen, die ihm übergeordnet waren. Von klein auf wurde die Verwirklichung seiner Rachegelüste zu dem Lebensziel, dem er alles unterordnete.“ (zitiert nach ebd., S. 15).

Auch Neumayr (1995) beschreibt die väterliche Gewalt. Stalins Vater hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, dem kleinen Jossif seinen Eigensinn durch tägliche Prügel, jeweils vor dem Schlafengehen verabreicht, auszutreiben. Ebenso wurde Stalins Mutter häufig Opfer brutaler Prügel durch ihren Mann (vgl. Neumayr 1995, S. 261) und der junge Josef sicherlich stummer und hilfloser Zeuge dieser Übergriffe.

Aus Bullocks weiteren Schilderungen lässt sich auch schließen, dass Stalin von seiner Mutter stark idealisiert wurde – ähnlich wie bei Hitler – und sie ihm vermittelte, dass er das Zeug für „Großes“ und „Bedeutendes“ hätte. Stalins Mutter Keke (Yekaterina Geladze) war aber auch ambivalent: Sie liebte den Sohn und drang auf seine Bildung (sie ermöglichte ihm den Zugang zum Priesterseminar in Tiflis), war aber selbst nicht frei von körperlichen Strafen und konnte ihn nicht vor dem Vater schützen. Einige historische Quellen weisen darauf hin, dass Stalins biologischer Vater möglicherweise gar nicht Beso war, was die familiäre Dynamik zusätzlich kompliziert. Doch, laut dem Biographen Kellmann: „Nicht nur der Vater, auch die Mutter schlug ihn. Körperliche Misshandlungen, Jähzorn und Gewalt müssen zu den ersten Wahrnehmungen im Leben jenes Menschen gehört haben, der sich später Stalin nannte“ (Kellmann 2005, S. 9). In seinem Blog stellt sich Sven Fuchs die Frage, die man sich über Hitler stellt:

„[…] Stalin bedeutet nebenbei bemerkt übersetzt ‚Mann aus Stahl‘. Welch tiefe Angst vor Hilflosigkeit, schmerzlichen Gefühlen und Ohnmacht musste ‚Stalin‘ empfunden haben, um sich so stahlhart und mächtig nach Außen zu präsentieren? Wie wenig Mitgefühl mit sich und somit auch mit anderen Menschen muss ein Mensch wie Stalin gehabt haben? Hier wird deutlich, wie Ohnmachtserfahrungen in jungen Jahren das Leben eines Menschen entscheidend prägen können […]“ (Fuchs 2008, o. S.).

Im Priesterseminar Tiflis fand Stalin eine rigide institutionelle Übergangsumgebung: Strenge Regeln, kollektive Kontrolle, Repression – und zugleich ein Zugang zu revolutionären Ideen, die ihm einen Rahmen für seine aufgestaute Destruktivität und seinen Machtanspruch boten. Er verließ das Seminar mit 16 und tauchte in den revolutionären Untergrund ein. Der Übergang von der Opferidentifikation zur aktiven Identifikation mit Gewalt – durch Bankraub, Erpressung, politische Aktionen – vollzog sich in diesem Lebensabschnitt.

Im Sinne von Kernbergs Modell lässt sich die Entwicklung Stalins so interpretieren, dass das sadistische Vaterobjekt nicht überwunden, sondern als Stärke idealisiert und als Kern des grandiosen Selbst internalisiert wurde. Die bolschewistische Ideologie lieferte später eine paranoide „Reinheits“-Moral, die das primitive Über-Ich strukturierte: Der Feind war ständig außen zu suchen und zu finden (Kulaken, Trotzkisten, Volksfeinde). Die eigene Gruppe der Bolschewiken war immer die der Reinen und Auserwählten.

Auch eindrücklich war Stalins Verhalten gegenüber seinem ältesten Sohn Jakow: Er misshandelte ihn psychisch und physisch, wobei Jakow einen Suizidversuch unternahm. Diesen quittierte Stalin mit dem Kommentar, sein Sohn habe „nicht einmal das richtig hinbekommen“. Das internalisierte sadistische Elternobjekt wird, wie Kernberg (1992) beschreibt, im Erwachsenenleben reproduziert und auf die nächste Generation übertragen.

 

4.3. Putin

Wladimir Putin wurde 1952 in Leningrad geboren – sieben Jahre nach dem Ende der Belagerung, die die Stadt und ihre Bevölkerung verwüstet hatte. Er war das dritte Kind seiner Eltern, die bereits zwei Söhne verloren hatten: Albert, der als Säugling vor dem Krieg starb, und Viktor, der 1942 während der Belagerung im Waisenhaus an Diphtherie oder Hunger starb. Putin ist damit – wie Hitler – ein klassisches replacement child (Ersatzkind): Er wurde in eine Familie hineingeboren, die von Trauer, Trauma und unverarbeiteten Verlusten durchtränkt war. Çifci (2025) und der PsyPost-Bericht (2025) zur Frontiers-Studie heben hervor, dass Putins Mutter Maria ihn mit unverhältnismäßiger Emotionalität als „Wunderbaby“ behandelte, als Projektion ihrer Sehnsucht nach den verlorenen Söhnen.

Der Vater – ein Werksarbeiter und Kriegsveteran – schlug Putin als Vorschulkind mit dem Gürtel, wie biografische Berichte belegen (Burgo 2014; Çifci 2025). Das Leningrader Hofmilieu, in dem Putin aufwuchs, war, in Masha Gessens Formulierung (2013), ein Ort „gemeiner, hungriger, wilder Kinder“ – ein Ambiente, das Stärke und Aggression prämierte und Schwäche mit Opferschaft bestrafte. Putin lernte früh, Dominanz durch körperliche Überlegenheit zu sichern; er wurde selbst zum Aggressor und zum Anführer unter den Hofkindern.

Joseph Burgo (2014) beschreibt in seinem Atlantic-Artikel Putins Persönlichkeit im Rahmen einer „Bully-Narzissmus-Dynamik“: Der Narzisst, der als Bully agiert, projiziert seinen eigenen internen Defekt (das Gefühl, ein Verlierer zu sein) auf seine Opfer. Die Grundformel lautet: Ich bin kein Verlierer, du bist es. Burgo betont die explosive Empfindlichkeit Putins gegenüber Kritik und die sofortige aggressive Reaktion auf wahrgenommene Beleidigung – Charakteristika, die seinen ehemaligen Schulkameraden bis heute in Erinnerung geblieben sind.

All das ist aus Putins offizieller Biografie zu entnehmen. Es gibt allerdings Hinweise, dass die offiziellen Eltern Putins nicht seine leiblichen Eltern sind. Falls das stimmen sollte, bleibt es unklar, wie viel Gewalt er durch wechselnde Bezugspersonen in seiner Kindheit erfahren hat. Über Vera Putina, die Frau, die behauptete Wladimir Putin geboren zu haben, schreibt Sven Fuchs:

„[…] Vera Putina verliebte sich in einen Mann namens Platon Priwalow und wurde schwanger. Erst dann erfuhr sie, dass er verheiratet war und trennte sich von ihm. Sie zog zu ihren Eltern. Wochenlang musste sie in dieser Zeit ihren noch nicht ganz zwei Jahren alten Sohn bei ihren Eltern lassen, weil sie beruflich außerorts arbeiten musste. Sie lernte schließlich einen Georgier kennen, heiratete ihn und zog mit ihrem unehelich geborenen Sohn zu ihm nach Georgien. Ein Mädchen wurde geboren. Jahrelang gab es Streit wegen dem Jungen. Ihr Mann wollte nicht mehr, dass er bleibt. Einmal gab die Schwester ihres Mannes den Jungen einfach zu einem fremden Mann. Die Mutter suchte ihren Sohn und brachte ihn zurück. Danach entschloss sie sich, ihn wieder bei ihren Eltern unterzubringen. Allerdings wurde ihr Vater sehr krank und der Junge musste zu Pflegeeltern, entfernte (kinderlose) Verwandte ihrer Eltern: Wladimir Spiridonowitsch Putin und Maria Iwanowna Putina (die offiziellen Eltern von Putin).

Auch Stanislaw Belkowski (2022, S. 42 f.) hat in seiner Putin-Biografie die offizielle Version von Putins Herkunft angezweifelt und im Prinzip die Zeit-Story ähnlich ausgeführt (sein Buch wurde ursprünglich 2013 veröffentlicht, also noch vor dem Zeit-Artikel). Wladimir sei durch diese Erlebnisse zu einem verschlossenen und grimmigen Kind geworden. Außerdem habe er seitdem die Georgier als Ethnie und Gruppe gehasst […]“ (Fuchs 2022, o. S.).

Der KGB als Institution bot Putin in seiner Jugend und jungen Erwachsenenzeit die Identifikation mit einem grandios-mächtigen Objekt: Die Stärke des Staates, die Macht der Kontrolle und Beobachtung, die Möglichkeit, durch Geheimwissen und institutionalisierte Gewalt zu dominieren. Gessen (2013) und Çifci (2025) beschreiben, wie Putin die KGB-Identifikation aktiv suchte. Er wollte unbedingt dazugehören und Teil des KGB- Apparats werden, denn die Zugehörigkeit zu diesem staatlichen Machapparat verlieh einem das Gefühl von unvorstellbarer Grösse und Macht über die anderen Normalsterblichen. Deshalb war der Zusammenbruch der UdSSR 1991 für Putin ein narzisstischer Kollaps erster Ordnung: Das grandios-mächtige Objekt, mit dem er sich identifiziert hatte, zerfiel. Seine gesamte spätere Herrschaft lässt sich als Versuch der narzisstischen Restauration verstehen – als Wiederherstellung der verlorenen sowjetischen (und natürlich auch individuellen) Größe.

 

4.4. Trump

Donald Trumps Kindheitsgeschichte unterscheidet sich von den drei vorhergehenden Entwicklungen insofern, als direkte körperliche Gewalt offenbar ihm gegenüber nicht praktiziert wurde. Umso deutlicher treten Formen emotionaler Traumatisierung und Vernachlässigung hervor.

Fred Trump Sr., der Vater, wird von seiner Enkelin Mary L. Trump (2020) als „high-functioning sociopath“ beschrieben: ein Mann, der Empathie für Schwäche hielt, Emotionen systematisch abwürgte und seine Kinder als narzisstische Instrumente einsetzte. Mary L. Trump schreibt, Fred habe Donalds „Fähigkeit, das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle zu erleben“, kurz geschlossen – nicht durch Auslöschung, sondern durch Konditionierung: Gefühle wie Trauer, Angst oder Empathie wurden als inadäquat bestraft. Auch Çifci (2025) betont, dass Trumps Kindheitsumgebung zwar keine physische Gewalt belegt, jedoch eine tiefgreifende Verletzung des sicheren Bindungsgefühls durch den autoritären Vater und die emotional eingeschränkte Mutter.

Mary Trump, die Mutter, war in Donalds zweitem Lebensjahr wegen einer schweren Erkrankung hospitalisiert und anschließend über Monate in dieser entscheidenden frühen Entwicklungsphase für ihn emotional nicht verfügbar. Später nutzte die Mutter die Kinder zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse, ohne deren Bedürfnisse zuverlässig wahrzunehmen (Trump 2020, 2020 a).

Mit zwölf Jahren schickte Fred Trump Sr. seinen Sohn Donald auf die New York Military Academy – eine strenge Kadettenschule. Çifci (2025, S. 8) interpretiert dieses Ereignis als narzisstisches Schlüsseltrauma: „Aus dem Luxus des Familienhauses vertrieben, während die Geschwister blieben – das bedeutete, aus dem Paradies vertrieben zu werden, in einer narzisstischen Entwicklungsphase“. Das Boarding-School-Erlebnis steht in dieser Lesart für Ausstoßung, Liebesentzug und den Beweis der eigenen Ersetzbarkeit.

Besonders aufschlussreich ist die Dynamik mit dem älteren Bruder Freddy: Dieser versuchte (und scheiterte), sich dem väterlichen Modell des „Killers“ anzupassen; er wich in den Alkohol aus und starb daran mit 43 Jahren. Donald hatte ausreichend Zeit, mitzubeobachten, wie sein Vater den älteren Bruder systematisch demütigte. Die Lektion, die Donald zog, war – in Mary Trumps Formulierung: „Sei nicht wie Freddy.“. Er ahmte das väterliche Modell nach, statt in der Opferrolle zu verbleiben. Freddys Tod war dann der letzte Beweis: Nur die narzisstische Anpassung – Grandiosität, Konkurrenz, emotionale Abschottung sicherte das Überleben.

Kernberg (2025, o. S.) beschreibt Trumps politisches Verhalten als gekennzeichnet von „Grandiosität, Aggressivität und fast pathologischer Rachsucht“: Er sehe sich von Feinden umgeben und verfolge jeden, der jemals gegen ihn gesprochen habe. Er lüge offen und dreist – und seine Anhänger bewunderten ihn dafür als Mut. Zugleich betonte Kernberg, keine Ferndiagnose stellen zu können und zu wollen: Was er diagnostiziere, seien öffentlich beobachtbare Muster des politischen Verhaltens, keine private Persönlichkeit. In einem Interview mit dem Spiegel (abgedruckt in Kernberg 2025 a, o. S.) hat Kernberg ausdrücklich betont, er könne keine Diagnose aus der Ferne stellen – „aber als Politiker demonstriert Trump zweifellos Züge des malignen Narzissmus“.

 

5. Der „fascist state of mind“ (Bollas)

Christopher Bollas (2018) hat in seinem Aufsatz „The Fascist State of Mind“ eine Brücke zwischen der individuellen Psyche und dem kollektiven politischen Phänomen des Faschismus gebaut. Sein Ausgangspunkt ist nicht eine Theorie des Bösen, sondern eine Theorie des psychischen Funktionierens: Jeder Geist, so Bollas, enthält latent die Möglichkeit, faschistisch zu werden. Diese These – bewusst provokativ formuliert – zielt darauf ab, Faschismus nicht als Pathologie einer devianten Minderheit, sondern als eine extreme Ausprägung universeller psychischer Mechanismen zu begreifen.

Der Kern des „fascist state of mind“ (faschistischen Geisteszustands) ist die Präsenz einer Ideologie, die ihre Gewissheit durch die Eliminierung aller inneren Opposition aufrechterhält. Bollas vergleicht die normale Psyche mit einem parlamentarischen System: Verschiedene Repräsentanzen – Triebe, Erinnerungen, Ängste, Objektrepräsentanzen – drängen nach Berücksichtigung und müssen in Kompromisslösungen ausbalanciert werden. Dieser pluralistische, konflikthafte innere Dialog macht die Psyche „menschlich“ im Sinne einer Fähigkeit zur Ambivalenz, zur Empathie, zur Revision. Bollas sieht in Freuds Theorie des Parapraxis – dem Versprecher, dem Vergessen – einen Beweis für die unentrinnbare Subversivität des Unbewussten gegenüber jeder totalisierenden Ideologie.

Der faschistische Geisteszustand entsteht, wenn dieser parlamentarische Prozess zusammenbricht. Zweifel, Unsicherheit und selbstkritische Reflexion werden als Schwäche definiert und aus dem inneren Raum vertrieben. An ihre Stelle tritt eine bindende, alles erklärende Ideologie, die Hannah Arendts Beschreibung des Totalitarismus entspricht: eine Ideologie, die „totale Erklärung“ beansprucht und sich von der Erfahrung emanzipiert. Was als banaler Impuls zur Vereinfachung beginnt, wird zum Keim des faschistischen Geisteszustands, sobald Vereinfachung zur zwingenden Notwendigkeit wird (Bollas 2018, S. 152).

Der Feind – das Andere, das Unreine, das Schwache – wird projektiv mit den abgespaltenen inneren Konfliktanteilen aufgeladen und zur Vernichtung freigegeben. Bollas beschreibt, wie dieser innere Prozess der „extraktiven Introjektion“ die Opfer im weitesten Sinne entsubjektiviert: Man entzieht ihnen psychische Güter – Würde, Komplexität, Menschlichkeit –, bevor man sie physisch vernichtet. Das Konzentrationslager erscheint in Bollas' Lesart als Externalisierung und reale Verkörperung des faschistischen Geisteszustands: Die Vernichtung des Anderen im Außen reproduziert und bestätigt die Vernichtung innerer Opposition.

Die Verbindung zur Theorie des malignen Narzissmus ist evident: Der maligne Narzisst, der negative Selbstanteile projektiv entsorgt und Aggression ich-synton integriert, trägt strukturell den faschistischen Geisteszustand in sich. Der politische Führer mit malign-narzisstischer Persönlichkeitsorganisation ist damit nicht nur persönlich pathologisch, sondern auch psychisch prädisponiert, einen „fascist state of mind“ in seiner Anhängerschaft zu aktivieren und zu perpetuieren – indem er ihnen die Spaltung vorlebt, die Projektion legitimiert und die Vernichtung des Anderen als tugendhaft inszeniert.

Bollas betont, dass der faschistische Geisteszustand nicht auf historische Faschismusbewegungen beschränkt ist: Er kann in Individuen, in kleinen Gruppen und in großen gesellschaftlichen Bewegungen auftreten. Er ist ein psychischer Modus, keine zeitgebundene politische Form. Es gibt ein Kontinuum zwischen dem individuellen faschistischen Geisteszustand – wie er bei maligne-narzisstischen Führern vorliegt – und der institutionellen faschistischen Praxis.

Bisagni (2022) hat Bollas' Konzept in eine explizitere Verbindung mit dem Narzissmus-Begriff gebracht und den „fascist state of mind“ als kollektiven narzisstischen Zustand beschrieben, in dem Grandiosität, projektive Reinheitsphantasien und die Eliminierung innerer Opposition zusammenwirken. Er unterscheidet dabei zwischen dem individuellen faschistischen Modus – der einer persönlichen Pathologie entspricht – und dem sozialen Faschismus, der kollektiv organisierte Abwehr gegen Komplexität, Fremdheit und Verantwortung darstellt. Diese Brückenarbeit zwischen Psychoanalyse und politischer Theorie ist für das hier entwickelte Modell zentral.

 

6. Das Vier-Bausteine-Modell:

Faschismus als politischer maligner Narzissmus
Das folgende Modell integriert die bisher dargestellten Konzepte zu einer strukturierten Theorie, die Faschismus als politischen malignen Narzissmus versteht.

 

6.1. Baustein 1: Malign-narzisstische Führerstruktur

Der erste Baustein ist die individuelle Ebene: der Charakter und die Persönlichkeitsorganisation des Führers. Destruktive Führer weisen typischerweise Muster auf, die dem Syndrom des malignen Narzissmus nach Kernberg entsprechen.

Die grandiose Selbstüberhöhung äußert sich als Messianismus: Der Führer sieht sich als historische Mission, als unersetzliches Instrument einer überpersönlichen Macht (Nation, Geschichte, Gott, Rasse). Kritik ist nicht nur unerwünscht, sondern undenkbar, weil sie die narzisstische Logik des grandiosen Selbst gefährdet. Die Spaltung ist allgegenwärtig: Die Welt besteht aus Anhängern (Bewunderern) und Feinden (Verfolgern). Die Projektion von Schuld und Aggression auf den Anderen ist strukturnotwendig: Nur so kann das grandiose Selbst unbefleckt bleiben. Die Lust an Macht, Demütigung und Kontrolle – der egosyntone Sadismus – äußert sich in der Freude an der öffentlichen Entmachtung von Rivalen, in der theatralisierten Demütigung von Untergebenen und in der Eskalation von Gewalt als narzisstischer Selbstbestätigung.

 

6.2. Baustein 2: Kollektiver Narzissmus und autoritärer Sozialcharakter

Der zweite Baustein ist der sozial-psychologische: Wie erreicht der Führer seine Gefolgschaft? Erich Fromm (1941, 1964) hat die psychoanalytische Grundlage gelegt: Gesellschaftliche Entfremdung, Ohnmacht, Marginalisierung und der „Verlust des Selbst“ in modernen Massengesellschaften erzeugen eine Vulnerabilität für autoritäre Angebote. Der autoritäre Charakter – sadomasochistisch in seiner Grundstruktur, hin- und hergerissen zwischen Unterwerfung unter Stärke und Aggression gegen Schwäche – findet im faschistischen Führer eine Projektionsfläche für seine eigenen verdrängten Größenphantasien.

Fromm (1941) zeigt in Escape from Freedom, dass das Nazismus-Phänomen nicht aus dem bösen Willen einiger Individuen erklärt werden kann, sondern aus einer breiten gesellschaftlichen Reaktion auf die unerträgliche Freiheit der Moderne: die Freiheit, die von sozialen Traditionen, religiöser Bindung und ständischen Strukturen befreit, aber keine neue psychische Heimat gibt. Der autoritäre Charakter entsteht als psychologische Reaktion auf diese doppelte Freiheit – befreit von, aber nicht frei zu. Er sucht Unterwerfung unter eine starke Autorität, die Sicherheit und Identität verspricht, und übt gleichzeitig aggressive Kontrolle über alle aus, die schwächer sind.

Der kollektive Narzissmus bezeichnet das Phänomen, dass Individuen ihre individuelle narzisstische Kränkung auf die Gruppe projizieren: „Ich mag nichts sein, aber wir – das auserwählte Volk, die unterdrückte Nation, die wahren Patrioten – sind das Größte.“. Diese kollektive Kompensation erlaubt die Übernahme des Führers als narzisstischer Erweiterung der eigenen Identität: Wenn er groß ist, bin ich groß. Wenn unsere Nation siegt, siege ich. Fromm (1964) hat diesen Mechanismus des Gruppen-Narzissmus als einen der potentesten Antriebe politischer Gewalt identifiziert. Der Gruppen-Narzissmus ist psychologisch effizienter als der individuelle: Er bietet narzisstische Befriedigung, ohne dass die Einzelperson tatsächlich besondere Fähigkeiten nachweisen muss – die bloße Zugehörigkeit zur „auserwählten“ Gruppe genügt.

Wie aber entsteht eine Grossgruppenregression und wie kommt das Zusammenspiel mit einem malign-narzisstischen Führer zustande?

„Regressiv“ meint bei Kernberg (in Anlehnung an Volkan 2020 u. a.), dass die Großgruppe auf frühere, primitiver organisierte seelische Funktionsniveaus zurückfällt: Sie wird kognitiv, affektiv und moralisch einfacher, unreflektierter, „frühkindlicher“ in ihren Abwehr- und Bindungsformen. Es herrscht die Dominanz primitiver Abwehrmechanismen: Spaltung, Projektion, projektive Identifikation. Idealisierende Verschmelzung mit dem Führer und paranoide Feindbildkonstruktionen gewinnen die Oberhand über reifere, konfliktverarbeitende Mechanismen. Dazu passiert eine Entdifferenzierung von Selbst‑ und Objektrepräsentanzen: die eigene Großgruppe wird idealisiert und homogenisiert („wir“ als durchweg gut), die Gegengruppe entwertet und entmenschlicht („sie“ als bedrohliche Feinde). Es geschieht auch eine Regression der moralischen Organisation: individuelles Schuld‑ und Verantwortungserleben werden zugunsten einer kollektiv geteilten Ideologie suspendiert, wobei aggressives und destruktives Verhalten als moralisch legitim erlebt wird. Ein Rückfall in eine „Massenpsychologie“ im freudschen Sinne wird erkennbar: der Einzelne denkt und fühlt weniger als autonomes Subjekt, sondern geht in der emotional aufgeladenen Großgruppenidentität auf. Kritische, reflektierende Stimmen werden marginalisiert oder zum Schweigen gebracht.

Deshalb ist die Großgruppe „regressiv“, weil sie – ähnlich wie ein Individuum unter starker Regression – zugunsten kurzfristiger Angstreduktion und Zugehörigkeitsgefühle zu einfacheren, primitiveren Verarbeitungsmodi zurückkehrt und reifere, differenzierende Funktionen partiell aufgibt.

Kernberg zufolge ist zu Beginn eine gesellschaftliche Teilgruppe vorhanden, die sich verunsichert, ohnmächtig oder gedemütigt erlebt (z. B. durch ökonomische, kulturelle oder politische Krisen, Identitäts- oder Statusverlust, Krieg, Massenmigration). Die kollektive Unsicherheit erzeugt Spannungszustände, Angst, Gereiztheit und Wut. Bei der Teilgruppe entsteht der Wunsch nach einer „zweiten Haut“ – einer schützenden, handlungsfähigen Führung, die Sicherheit und klare Orientierung verspricht. Eine charismatische, aggressive Führerperson kann diese Affekte aufgreifen, benennen und auf einen äußeren Feind fokussieren. Somit wird der Weg zur regressiven Großgruppe eröffnet.

In der regressiven Großgruppe kommt es zu einer Vereinfachung des Denkens, wobei komplexe soziale Konflikte in ein rigides Oben–Unten‑, Gut–Böse‑Schema übersetzt werden. Die Gruppe erlebt sich selbst als Opfer, „unten“, moralisch gut. Die Gegner werden als absolut böse, bedrohlich und zu bekämpfen wahrgenommen. Kognitive Differenzierung, Ambivalenztoleranz und Realitätsprüfung nehmen ab, suggestive Botschaften und affektive Appelle verdrängen argumentatives Denken („die Leute werden dümmer“ im Sinne einer funktionellen Regression). Weiter erläutert Kernberg, dass in dieser Atmosphäre paranoide Ideologien entstehen können, in denen bestimmte innere oder äußere Gruppen als Feind, Sündenbock oder zu vernichtendes Objekt definiert werden.

Ein malign-narzisstischer Führer nutzt die vorhandene Unzufriedenheit als Projektionsfläche und bietet einfache Lösungen: klare Feindbilder, Heilsversprechen und moralische Legitimation von Aggression. Die antisozialen Tendenzen des Führers zeigen sich zunächst in groben Lügen, diffamierenden Anschuldigungen und systematischer Realitätsverzerrung, mit denen getestet wird, wie weit Normüberschreitungen toleriert werden. Bleibt gesellschaftlicher Widerspruch aus (z. B. wegen allgemeiner Krisen, schwacher Institutionen, Kriegsverhältnissen, unverarbeiteter totalitärer Vergangenheit), verschieben sich die Grenzen des Sag- und Machbaren; offene Aufrufe zu Gewalt und massivere Rechtsbrüche werden möglich. Die regressive Großgruppe stärkt die Grandiosität und Kampfbereitschaft des Führers; umgekehrt verstärkt seine Entgrenzung das Gefühl von Stärke, Zugehörigkeit und moralischer Überlegenheit in der Gruppe.

Laut Kernberg (2023) wird die kollektive Regression durch diffuse Unsicherheit und Bedrohungserleben der Grossgruppen vorbereitet. Ein selbstsicherer, aggressiver Politiker, der diese kollektiven Gefühle benennt und gegen einen äußeren Feind richtet, aktiviert dann eine Dynamik, in der die narzisstisch-paranoide Logik des Führers zur geteilten Wirklichkeit wird: Zuerst werden antisoziale Verhaltensweisen toleriert – lautes Lügen, unverblümte Feindschaft –, dann werden sie bewundert, und schließlich werden sie als Zeichen von Stärke und moralischer Überlegenheit gefeiert (Kernberg, 2023).

 

6.3. Baustein 3: „fascist state of mind“ als geteilter psychischer Zustand

Der dritte Baustein ist der kollektiv-psychische: Der faschistische Geisteszustand im Sinne Bollas' wird sozial ansteckend und kollektiv verbreitet. Kernberg und Volkan haben – im Anschluss an Turquet (1975) und Bion (1961) – beschrieben, wie Großgruppen unter bestimmten Bedingungen regressiv werden: Spaltung, Projektion und Idealisierung, die im Individuum pathologische Abwehrmechanismen sind, werden zur Gruppenlogik. Psychodynamisch betrachtet, sieht auch Kernberg zwischen individuellen malignen narzisstischen Strukturen und kollektiven regressiven Prozessen strukturelle Ähnlichkeiten (Spaltung, idealisierende Identifikation mit dem Führer, Projektion des Bösen).

In der Kombination aus Gruppenregression und malignem Narzissmus des Führers entsteht eine Eskalationsspirale, wobei sich Lüge, Entmenschlichung des Gegners und Gewalt gegenseitig steigern. Der Aggressionsdurchbruch wird subjektiv als moralisch gerechtfertigt erlebt („Verteidigung“, „Reinigung“, „Wiederherstellung von Größe“), was Schuldgefühle mindert und Grausamkeit erleichtert. Historisch verweist Kernberg auf totalitäre Bewegungen als spezifische Ausdrucksformen dieser Konstellation von malignem Narzissmus und Großgruppenregression.

Die Idealisierung des Führers suspendiert das individuelle Schuld- und Verantwortungserleben: „Er entscheidet; wir folgen.“. Die Projektion des Bösen auf den Anderen schafft kollektive Entlastung von eigenen aggressiven und beschämten Anteilen. Die Suspension des inneren Parlamentarismus im Sinne Bollas' macht die Gruppe zu einem totalitären psychischen Organismus: Wer Zweifel äußert, riskiert den Ausschluss aus der Schutzgemeinschaft. Die Gruppenregression wird durch Rituale der Masse – Aufmärsche, Kundgebungen, gemeinsame Feindbildbeschwörung – vertieft und stabilisiert (Kernberg 2023; Volkan 2020).

 

6.4. Baustein 4: Faschistische Praxis und Institutionen

Der vierte Baustein ist der politisch-institutionelle: Der auf den ersten drei Bausteine aufgegleiste Prozess wird in Institutionen, Gesetze und Praktiken gegossen. Der Führerkult verleiht der narzisstischen Struktur des Führers eine kollektive Legitimation. Die Propaganda systematisiert die Spaltung und verwaltet die Feindbilder. Die Gleichschaltung eliminiert institutionelle Gegengewichte – Presse, Justiz, parlamentarische Opposition –, die der faschistischen Logik der Gewissheit und Reinheit im Wege stehen. Gewalt ist nicht mehr Abweichung, sondern Methode: Sie dient der Kontrolle und der Projektion – der abgespaltene „Schmutz“ wird eliminiert –, aber auch der narzisstischen Bestätigung des Führers und der Gruppe.

 

7. Hitler, Stalin, Putin, Trump auf dem Faschismus-Kontinuum

Das Vier-Bausteine-Modell erlaubt eine vergleichende Einordnung, die unterschiedliche Ausprägungsgrade faschistischer Dynamiken abbildet, ohne vorschnelle Gleichsetzungen vorzunehmen.

Hitler und Stalin stehen am Extrempol: Beide haben totalitäre Systeme errichtet, beide haben Vernichtungsapparate entwickelt, beide haben die faschistische Logik vollständig institutionalisiert. Der Unterschied liegt weniger in der Struktur als in der ideologischen Ausrichtung (Rassenvernichtung vs. Klassenvernichtung) und im historischen Kontext.

Putin ist auf hohem, aber nicht totalitärem Niveau einzuordnen: Das russische System unter Putin zeigt stark ausgeprägte autoritäre und faschistoide Züge – Kontrolle der Medien, Eliminierung politischer Opposition, Glorifizierung imperialer Größe, Feindbildkonstruktion gegenüber dem „kollektiven Westen“ –, ohne die vollständige Institutionalisierung einer totalitären Vernichtungslogik erreicht zu haben.

Trump ist (insbesondere in seinen beiden Amtszeiten) auf mittel-hohem Niveau einzuordnen: Das institutionelle System der US-Demokratie hat bisher Gegengewichte aufrechterhalten können. Gleichwohl weisen viele Merkmale des politischen Verhaltens Trumps – Schmähung der Justiz, Angriffe auf freie Presse, Bestreitung von Wahlergebnissen, Feindbildkonstruktion gegenüber „dem inneren Feind“ – auf eine Eskalationsdynamik hin, die Kernberg (2025, o. S.) als „zunehmend faschistoid“ bewertet.

Der aktuelle Wiederaufstieg autoritärer faschistoider Bewegungen, die Personalisierung von Politik und die zunehmende Rolle narzisstischer Führerfiguren ist äußerst besorgniserregend.

Aus all dem hier Gesagten können wir schließen, dass Faschismus als politischer maligner Narzissmus verstanden werden kann, wobei eine spezifische Konstellation aus malign-narzisstischer Führerstruktur (Baustein 1), kollektivem Narzissmus und autoritärem Sozialcharakter (Baustein 2), einem „fascist state of mind“ als geteiltem psychischen Zustand (Baustein 3) und der daraus resultierenden faschistischen Praxis und Institutionen (Baustein 4) von entscheidender Bedeutung ist.

Leider sind zurzeit politikwissenschaftliche Faschismus‑Theorien und klinische Narzissmus‑Konzepte kaum systematisch integriert. Es liegt nahe, dass ein dringender Bedarf nach interdisziplinärer Forschung besteht, die der Frage nachgehen soll, ob und mit welchem Erfolg der Einfluss robuster demokratischer Institutionen, kritischer Öffentlichkeit und moralischer Normen als Schutzfaktoren gegen großgruppenregressive Prozesse (Kernberg 2019) bei faschistischen Gefolgschaften eingesetzt werden kann. Eine weitere interessante Forschungsfrage wäre, ob es sich bei den Bewunder:innen von Hitler, Stalin, Putin und Trump um lauter schwertraumatisierte Menschen handelt, die in einem komplementärnarzisstischen Modus unbewusst ihre frühkindliche Traumatisierung zu verarbeiten versuchen und im Bekenntnis zu faschistischen Ideologien und faschistoiden Verhaltensweisen in eine Art dysfunktionalen Selbstheilungsversuch geraten.

Wie anfangs das Motto dieses Artikels besagt: „Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an“ (Fuchs 2019). So beginnt Prävention gegenüber Faschismus in der Kindheit. Auch politische Verantwortung beginnt mit der frühen Kindheitserziehung, mit der frühen Gewaltprävention, in der Stärkung von Empathie, Bindung und Würde für jedes Kind, überall auf der Welt.

 


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Autor:in: Evelina Jecker ist 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren und lebt seit 1996 in der Schweiz. Die Ärztin arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Sie publiziert in deutscher Sprache Gedichte, Erzählungen und Romane.

 

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