Eine psychoanalytische Analyse kollektiver Subjektivität iranischer Migrant:innen

Ali Asghar Firoozi und Lutz Goetzmann

Y – Z Atop Denk 2026, 6(3), 1.

Abstract: Dieser Artikel analysiert das Subjekt im Exil als Form kollektiver Subjektivität aus psychoanalytischer Perspektive im Kontext der iranischen Migration. Theoretisch verortet zwischen der lacanschen Theorie des symbolischen Feldes und der Ideologiekritik Žižeks wird argumentiert, dass geografische Distanz nicht mit der Auflösung symbolischer Bindungen an Herkunft und Gemeinschaft gleichzusetzen ist. Politische Praxis erscheint dabei nicht ausschließlich als physisches Handeln, sondern als symbolische und diskursive Artikulation in Sprache, Narrativen, kollektivem Gedächtnis und transnationalen Netzwerken. Ergänzend werden Konzepte von Salman Akhtar, Adam Phillips und Thomas Ogden herangezogen, um Migration als psychischen Prozess zwischen Verlust, Spaltung und der Aushandlung neuer Möglichkeitsräume zu verstehen. Exil wird somit nicht als Bruch, sondern als Transformation der Präsenz des Subjekts im symbolischen Feld gefasst.

Keywords: Subjekt im Exil, kollektive Subjektivität, symbolisches Feld, Migration und Identität, Ideologie

Copyright: Ali Asghar Firoozi | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0

Veröffentlicht: 30.03.2026

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„Migration means being in two places at once: where you have gone, and the place you can never truly leave.“ (Salman Akhtar).

Dieser Text ist ein Versuch, die Frage des politischen Handelns und der kollektiven Verantwortung im Kontext von Migration und Exil aus psychoanalytischer Perspektive zu untersuchen. Ziel ist es, das Verhältnis zwischen Subjekt, Grenze, Exil und symbolischem Feld zu analysieren – ein Raum, in dem Politik nicht nur geografisch, sondern auch in der psychischen und sprachlichen Struktur des Subjekts verankert ist.

Als Reaktion auf einen Freund, der aus psychoanalytischer Sicht argumentierte, dass die Veränderung nur aus dem Inneren Irans entstehen könne, und der in diesem Zusammenhang das Engagement der iranischen Diaspora als sinnlos beschrieb und die Mentalität der Menschen im Land als unterwürfig bzw. „hörig“ darstellte, schreibe ich:


I

Ich beginne mit der psychoanalytischen Tradition: Das Subjekt entsteht immer innerhalb eines Netzes aus Sprache, symbolischen Strukturen, und anderem. Wie Lacan betont, ist das Subjekt stets im Symbolischen verankert, das durch Sprache, Normen und soziale Strukturen geformt wird (Lacan 1998, 2006). Identität und Handeln sind daher nicht auf geografische Grenzen beschränkt. Wer migriert ist, trennt sich nicht vom kollektiven Anderen; die symbolische Verbindung zur Herkunft bleibt – emotional wie identitär – bestehen.

Aus psychoanalytischer Perspektive ist eine Grenze nicht nur eine geografische Linie, sondern auch eine psychische und symbolische Struktur. Wer ein Land verlässt, verlässt nicht unbedingt das symbolische Feld dieses Landes. Sprache, Erinnerung, kollektive Verletzungen und Zukunftsvisionen wirken im Inneren weiter.

Hier kann man vom „Subjekt im Exil“ sprechen: ein Subjekt, das gleichzeitig in zwei symbolischen Räumen lebt. Sein Körper ist im neuen Land, aber sein Begehren, seine Ängste, Hoffnungen und Verantwortlichkeiten sind mit dem Herkunftsraum verbunden. Dieses Subjekt ist weder vollständig getrennt noch vollständig geblieben, sondern lebt in einer Spaltung, die selbst zur Quelle von Engagement und Verantwortung werden kann (Akhtar 1999, 2010).

Wie Salman Akhtar zeigt, ist Migration nicht nur eine räumliche Verlagerung, sondern ein psychischer Prozess, der Trauer um die verlorene Welt und die Rekonstruktion von Identität zwischen zwei kulturellen und symbolischen Räumen umfasst – eine Situation, die das Subjekt gleichzeitig im Verlust und in neuen Möglichkeiten positioniert (Akhtar 1999).

Thomas Ogden betont zudem den „interpsychischen Raum“, also dass die Psyche des Menschen immer in Beziehung zu anderen geformt wird (Ogden 1994, 2004). In der Erfahrung des Exils lebt das Subjekt, wie Ogden zeigt, ebenfalls in einem solchen interpsychischen Raum; geographische Distanz bedeutet daher nicht zwangsläufig eine Trennung der psychischen Verbindung zur Gemeinschaft und zum Herkunftsland.


II

Slavoj Žižek hat darauf hingewiesen, dass Ideologie dann erfolgreich ist, wenn Menschen glauben, es gebe keine Alternative und jeder Versuch außerhalb der bestehenden Machtordnung sei sinnlos (Žižek 1989, 1997). In einer solchen Situation kann sogar die Abwertung von Protesten im Ausland Teil derselben ideologischen Logik werden: kein Vertrauen in Veränderung, kein Glaube an Veränderung.

Psychoanalytisch gesehen, ist dies ein Moment, in dem das Subjekt sein eigenes Begehren aufgibt und die bestehende Ordnung als die einzige mögliche Realität akzeptiert. Auf kollektiver Ebene entsteht damit eine psychische Lähmung: Wenn Menschen glauben, dass Handeln ohnehin nichts bewirkt, wird Hoffnung selbst blockiert. Angriffe auf das Engagement der Diaspora reproduzieren damit manchmal ungewollt genau diese Mechanismen der Entmutigung (Žižek 1989, 1997).


III

Kampf und Widerstand geschehen nicht nur auf der Straße, sondern auch in Sprache, Erzählung, Kommunikation, kollektivem Gedächtnis und globaler Solidarität. Auch außerhalb Irans bleiben wir Teil desselben kollektiven Subjekts – besonders in einer Situation, in der Menschen im Land massiver Repression ausgesetzt sind und uns ausdrücklich darum bitten, ihre Stimme zu sein.

Im psychoanalytischen Rahmen bildet sich das Subjekt nicht nur durch physisches Handeln, sondern auch durch Sprechen, Erzählen und symbolische Repräsentation. Wenn Erfahrungen international hörbar werden, entstehen Risse in der dominanten symbolischen Ordnung. Das Handeln in der Diaspora schafft genau solche Risse – Räume, in denen unterdrückte Erfahrungen wieder artikulierbar werden.


IV

Wir haben es mit einer Generation zu tun, die weiß, was sie nicht will, und weiß, was sie will. Politisches Bewusstsein der Menschen im Iran lässt sich nicht ignorieren, indem man sie pauschal als „unterwürfig“ bezeichnet.

Eine Gesellschaft auf eine „Sklavenmentalität“ zu reduzieren, verkennt die Komplexität kollektiver Psyche. Kollektives Erleben bewegt sich ständig zwischen Angst, Hoffnung, Überlebensstrategien und Veränderungswunsch. Menschen ziehen sich manchmal zurück, um zu überleben – nicht weil sie nichts verstehen, sondern weil sie täglich mit realem Widerstand konfrontiert sind. Diese Komplexität lässt sich nicht mit einem einzigen Etikett erklären.

Wie Adam Phillips erinnert, lebt der Mensch stets mit den unlived lives und den verlorenen Möglichkeiten seines Daseins; die Erfahrung von Migration hält das Subjekt häufig zwischen dem, was zurückgelassen wurde, und dem, was noch möglich ist, in Schwebe (Phillips 2005, 2012).

Und letztlich ist die Frage keine persönliche: Wir kämpfen nicht nur für unsere eigene Freiheit, sondern auch für deine und die der kommenden Generationen – selbst wenn du das heute noch nicht anerkennst oder akzeptierst.

Auch auf der psychischen Ebene geht es hier also nicht nur um Politik, sondern um den Versuch, Sicherheit, Würde und Zukunftsfähigkeit wiederherzustellen. Das Subjekt im Exil lebt zwar entfernt von der Heimat, bemüht sich aber weiterhin darum, Bedingungen für ein würdiges Leben jener Gemeinschaft zu erhalten, aus der es hervorgegangen ist (Said 2000).

Vielleicht lässt sich sagen: Der Kampf im Ausland ist die Fortsetzung jenes inneren Konflikts eines Subjekts, das sein Begehren nach Freiheit nicht aufgeben will – ein Subjekt, das weiß, dass Grenzen Körper trennen können, nicht aber psychische Verbundenheit und ethische Verantwortung gegenüber der eigenen Gemeinschaft.


V

Aus dieser Perspektive bedeutet Exil nicht das Ende der Bindung an das Herkunftsland, sondern eine Veränderung der Präsenz des Subjekts im symbolischen Feld. Das migrierte Subjekt lebt an der Grenze zwischen zwei Welten, und dieser Zustand kann zu einer Quelle ethischer Verantwortung und kollektiven Handelns werden. Aus psychoanalytischer Perspektive lässt sich argumentieren, dass der Kampf im Exil nicht das Handeln im Inland ersetzt, sondern es auf globaler und symbolischer Ebene fortsetzt.

Diese Analyse zielt nicht darauf ab, die Handlungen innerhalb des Landes zu ersetzen, sondern will die komplementäre Rolle symbolischen und sprachlichen Handelns auf globaler Ebene verdeutlichen.


VI

Migration erscheint aus psychoanalytischer Perspektive als ein Prozess, in dem das Subjekt gleichzeitig in unterschiedlichen symbolischen Räumen verortet bleibt. Aus lacanscher Perspektive ist das Subjekt stets in symbolische Strukturen eingebunden, während Žižek darauf hinweist, dass ideologische Überzeugungen die Wahrnehmung von Handlungsmöglichkeiten formen. In Anlehnung an Salman Akhtar lässt sich Migration als psychische Bewegung zwischen Verlust, Trauer und der Rekonstruktion von Identität verstehen. Thomas Ogdens Konzept des interpsychischen Raums verdeutlicht, dass die Psyche stets relational strukturiert ist, sodass geografische Distanz nicht notwendig eine Auflösung symbolischer Bindungen impliziert. Mit Adam Phillips kann Migration zudem als Erfahrung zwischen gelebtem Leben und ungenutzten Möglichkeiten beschrieben werden. Vor diesem Hintergrund wird Exil nicht als Abbruch, sondern als Transformation der Präsenz des Subjekts im symbolischen Feld gefasst, in der sich Formen kollektiver Subjektivität und symbolischer Praxis neu konfigurieren.

 


Literaturverzeichnis

Akhtar, Salman (1999): Immigration and identity: Turmoil, treatment, and transformation. Northvale, NJ: Jason Aronson.

Akhtar, Salman (2010): Immigration and acculturation: Mourning, adaptation, and the next generation. Lanham, MD: Jason Aronson.

Lacan, Jacques (1998 [1978]): The four fundamental concepts of psychoanalysis. Übers. v. Alan Sheridan. London: Karnac.

Lacan, Jacques (2006 [1966]): Écrits. Übers. v. Bruce Fink. New York, NY: W. W. Norton.

Ogden, Thomas H. (1994): Subjects of analysis. Northvale, NJ: Jason Aronson.

Ogden, Thomas H. (2004): This art of psychoanalysis: Dreaming undreamt dreams and interrupted cries. London, New York: Routledge.

Phillips, Adam (2005): Going sane. London: Penguin.

Phillips, Adam (2012): Missing out: In praise of the unlived life. London: Penguin.

Said, Edward W. (2000): Reflections on exile and other essays. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Žižek, Slavoj (1989): The sublime object of ideology. London: Verso.

Žižek, Slavoj (1997): The plague of fantasies. London: Verso.


Autor:in: Ali Asghar Firoozi ist psychologischer Psychotherapeut (Tiefenpsychologie) in Ausbildung an der IPB Berlin. Zurzeit ist er Doktorand an der Witten-Herdecke-Universität.

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Autor:in: Lutz Goetzmann, Prof. Dr. med. Psychoanalytiker (SGPsa/IPV), ist in eigener psychoanalytischer Praxis in Berlin tätig und hat seit 2014 eine apl. Professur an der Universität zu Lübeck inne.

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