Stadtbild, Sturm und Drecksarbeit

Lutz Goetzmann

Y – Z Atop Denk 2025, 5(12), 2.

Abstract: Der gegenwärtige Kanzler, Friedrich Merz hatte verschiedentlich Begriffe verwendet, die als Herrensignifikanten eines bestimmten Diskurses betrachtet werden können („Stadtbild, Sturm und Drecksarbeit“). Ich setzte diese Signifikanten jeweils in einen weiteren Kontext, so den Signifikanten der „Drecksarbeit“ in den Kontext der Judenvernichtung, das Stadtbild in einen Zusammenhang, wie Hitler die Entstehung seines persönlichen Antisemitismus begründete, und den „Sturm auf rote Rathäuser“, den Merz 2004 ausrief, in einen Bezug auf eine nationalsozialistische Rede seines Großvaters, den der heutige Kanzler zu bewundern scheint. Es wird dann dargelegt, inwiefern diese drei Begriffe als „Herrensignifikanten“ verstanden werden können, die einen persönlichen wie gesellschaftlichen Diskurs strukturieren, und mit Lacan ein Bezug zu Objekt a auf der analen Ebene des Ausscheidens hergestellt. Ich vertrete dann die Ansicht, dass diese Herrensignifikanten „die geglückte Paranoia des heutigen Techno-Kapitalismus“ (Fabio Vighi) stützen.

Keywords: Herrensignifikant, Kanzler, Migration, Babij Jar, Techno-Kapitalismus, Objekt a

Copyright: Lutz Goetzmann | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0

Veröffentlicht: 30.12.2025

Artikel als Download: pdfY - Z Atop Denk 2025, 5(12), 2

 

Irgendeine Umnebelung ist vorhanden, die geradezu auf alle einwirkt
Viktor Klemperer (2020, S. 50).

 

1. Einleitung

In der politischen Debatte hat der gegenwärtige Kanzler, Friedrich Merz im Zusammenhang mit der Migration in Deutschland und der Bombardierung Teherans die Begriffe „Stadtbild“ und „Drecksarbeit“ verwendet, die aus psychoanalytischer Sicht als Herrensignifikanten eines gesellschaftlichen, möglicherweise auch persönlichen Diskurses zu betrachtet werden können. Hinzu kommt ein Begriff, den Merz bereits 2004 verwendete, nämlich den „Sturm“. Diese Signifikanten ließen sich jeweils in einem weiteren Kontext verstehen, so den Signifikanten des Stadtbilds in Bezug auf die Veränderungen des Wiener Stadtbilds, als Jüdinnen und Juden vor den russischen Pogromen in Osteuropa flohen. Hitler hatte in Mein Kampf mit diesen Veränderungen auf den Straßen Wiens die Entstehung seines persönlichen Antisemitismus begründet (Hamann 1996, S. 496). Der „Sturm“ auf das rote Rathaus seiner Heimatstadt Brilon, den Merz in einer Rede vor Parteimitgliedern ausrief, ließe sich mit einer Rede seines Großvaters Josef Paul Sauvigny, verbinden. Und der Begriff der „Drecksarbeit“ stammt aus dem Kontext der Judenvernichtung, insbesondere des Massakers in Babij Jar in der Nähe von Kyjiv. Ich werde darlegen, inwiefern es sich hier um „Herrensignifikanten“ im Sinne Lacans handelt, die einerseits den Diskurs ordnen und andererseits Hinweise auf das Unbewusste sind. Abschließend werde ich die Ansicht vertreten, dass Herrensignifikanten wie das „Stadtbild“, der „Sturm“ oder die „Drecksarbeit“ die „geglückte Paranoia des heutigen Techno-Kapitalismus“ (Vighi 2025a) stützen, die wir benötigen, um den drohenden Zusammenbruch des Kapitalismus bzw. unserer Gesellschaft zu kaschieren. Zunächst komme ich auf das „Stadtbild“ zu sprechen – heute und in Wien vor über hundert Jahren.

 

2. Das Stadtbild

2.1. Das Stadtbild heute

Seit dem 14. Oktober 2025 kursiert in den sozialen Medien ein Video, in welchem sich der Bundeskanzler folgendermaßen äußert:

„Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24/August 25 im Vergleich um 60 Prozent nach unten gebracht. Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem. Und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen“ (Deutschlandfunk 2025).

Als Teile der Öffentlichkeit sich über diese Aussage empörten, reagierte Merz in einer Pressekonferenz ganz unbeirrt, indem er sagte: „Ich habe gar nichts zurückzunehmen.“. Wer seine Töchter frage, bekomme vermutlich „eine ziemlich klare und deutliche Antwort“ auf das, was er gemeint habe. In der CDU verteidigen natürlich viele Leute diese Äußerungen. Jens Spahn schrieb in der Bild-Zeitung: „Schauen Sie sich einen Hauptbahnhof an, in Duisburg, in Hamburg, in Frankfurt. Verwahrlosung, Drogendealer, junge Männer, meistens mit Migrationshintergrund, meistens Osteuropa oder arabisch-muslimischer Kulturraum. Das hat auch mit irregulärer Migration zu tun, wie es in unseren Innenstädten, auf den Marktplätzen ausschaut.“. Dabei ist Merz keinesfalls der erste, der in der heutigen Debatte den „Stadtbild“-Begriff nutzt. Markus Söder sagte in einem Interview mit dem Münchner Merkur: „Das Stadtbild muss sich wieder verändern. Es braucht einfach mehr Rückführungen.“. Der Signifikant des „Stadtbilds“ ist auch ein bewährter „Kampfbegriff“ der AfD. So warb die Rechtsaußen-Partei im Gelsenkirchener Wahlkampf für „eine saubere Heimat mit einem gepflegten Stadtbild“ (sämtliche Zitate: Deutschlandfunk, 2025).

 

2.2. Das Stadtbild in Wien (um 1907)

Diese Stadtbilddiskussion erinnert an die Ephinanien des späteren Reichskanzlers Hitler, der das Erwachen seines Antisemitismus mit der Einwanderung osteuropäischer Juden begründete. Im Jahr 1903 kam es, wie Brigitte Hamann in ihrem Buch „Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators“ schreibt, bei Pogromen im russischen Kischinew, der heutigen Hauptstadt Moldawiens, zu „unfassbaren Gräueltaten und Massakern an Juden“ (Hamann 1996, S. 488). Hundertausende flohen damals nach Westeuropa. Entsprechend wurde hier die Angst vor weiteren Einwandererströmen geschürt. Der für seinen militanten Antisemitismus bekannte Bürgermeister von Wien, Karl Lueger, proklamierte bei einer Wählerversammlung eine seiner, wie man heute sagen würde, gezielt formulierten Verschwörungstheorien, indem er Verbindung zwischen den jüdischen Mitbürgern, der russischen Revolution von 1905 und der österreichischen Sozialdemokratie herstellte; er sagte:

„Ich warne speziell die Juden in Wien, nicht auch so weit zu gehen wie ihre Glaubensgenossen in Russland und sich nicht allzu sehr mit den sozialdemokratischen Revolutionären einzulassen. Ich warne die Juden nachdrücklichst, es könnte vielleicht das eintreten, was in Russland eingetreten ist. Wir in Wien sind Antisemiten, aber zu Mord und Totschlag sind wir gewiss nicht geschaffen. Wenn aber die Juden unser Vaterland bedrohen sollten, dann werden auch wir keine Gnade kennen. Vor diesen traurigen Folgen will ich gewarnt haben“ (Hamann, 1996, S. 490).

Hitler, so Hamann, beschreibt die Genese seines Antisemitismus im Zusammenhang mit einer Veränderung dessen, was wir heute „Stadtbild“ nennen. Er verwendete zwar nicht diesen Terminus „Stadtbild“, beschreibt aber die tiefe Irritation, die ihn beim Anblick osteuropäischer Migranten auf der Straße erfasst habe: „Es war für mich die Zeit der größten Umwälzungen gekommen, die ich im Innern jemals durchgemacht hatte. Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden“ (Hamann 1996, S. 496). Hitler schreibt weiterhin (die Passagen stehen in der Schrift Mein Kampf): „In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter Vernunft hatte mir der Anschauungsunterricht der Wiener Straße unschätzbare Dienste geleistet.“. Hitler, der bis anhin viele jüdische Freunde und Bekannte hatte, schildert einen jüdischen Mann aus Osteuropa, den er auf der Straße sieht: „Die Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken“ ließ ihn zweifeln: „Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke.“. Und er fragt sich: „Ist dies auch ein Deutscher?“. Nun kaufte er sich, wie er schreibt, „die ersten antisemitischen Broschüren“. Und nun habe sich, so Hamann, „die übliche Obsession radikaler Antisemiten“ entwickelt. Hitler schreibt dazu:

„Seit ich mich mit der Frage zu beschäftigen begonnen hatte, auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen Licht wie vorher. Wo immer ich ging, sah ich nun Juden, und je mehr ich sah, um so schärfer sonderten sie sich für das Auge von den anderen Menschen ab“ (Hamann 1996, S. 497).

Schlusspunkt dieser dramatischen Entwicklung, so Hamann, sei die „Erkenntnis vom angeblichen jüdischen Charakter der Sozialdemokratie“ gewesen: „Indem ich den Juden als Führer der Sozialdemokratie erkannte, begann es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen. Ein langer innerer Seelenkampf fand damit seinen Abschluss.“ (alle Zitate in Hamann 1996, S. 497). – Wieso verwendet der heutige Kanzler solche faschistisch determinierten Begriffe und Vorstellungen? Vielleicht gibt ein weiterer Signifikant (bzw. Herrensignifikant), den Merz bereits 2004 verwendete, nähere Auskunft über eine mögliche Herkunft seines Denkens. Es ist der Herrensignifikant des „Sturms“.

 

3. Der Sturm

3.1. Josef Paul Sauvigny – Bürgermeister von Brilon

Im Jahre 2004 hatte Merz vor sauerländischen Parteifreunden offensichtlich, so steht es in der taz vom 16.1.2004, ein „Loblied“ auf seinen Großvater, Josef Paul Sauvigny, dem ehemaligen Bürgermeister seiner Heimatstadt Brilon gesungen (Teigeler 2004). Eine Woche zuvor hatte er – immerhin als stellvertretender Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion, zur Abwahl des „roten Bürgermeisters“ aufgerufen. Es erfülle ihn „mit tiefem Grausen“, dass nun ein Sozialdemokrat im Rathaus seiner Heimatstadt sitze, in welchem früher sein Großvater Bürgermeister war: „Das muss beendet werden“, so wird Merz zitiert. Er sei jedenfalls dabei, wenn „das rote Rathaus“ gestürmt werde. Hier also haben wir den Herrensignifikanten des Sturms, der affektiv durch ein tiefes Grausen besetzt ist und ganz offensichtlich, wie wir sehen werden, im Kontext mit dem zunächst rechtskonservativen, dann aber – nach der Machtergreifung – durchaus faschistischen Nazi-Bürgermeister – also dem Großvater des heutigen Kanzlers – zu stehen scheint. Die Medien werfen Merz nicht vor, dass er sein Großvater Nazi gewesen sei – ein leider gewöhnliches Faktum für viele – sondern, dass dieser seine loyale Einstellung gegenüber diesem Großvater öffentlich kundgetan habe (u. a. Teigeler 2004; Bürger 2021; Augustin u. Teigeler 2025).

Wer war nun dieser strittige Großvater? Josef Paul Sauvigny war lange Mitglied der rechtskatholischen Zentrums-Partei, und er amtierte zwanzig Jahre lang, nämlich von 1917 bis 1937, als Bürgermeister der sauerländischen Stadt Brilon, die heute um 25000 Seelen zählt. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und das Zentrum im folgenden Jahr verboten wurde, durfte Sauvigny im Amte bleiben. Augustin und Teigeler (2025) schreiben in der taz – gut 20 Jahre nach dem ersten, oben erwähnten Artikel: „Während eine Reihe von Mitgliedern dieser Partei in der Nazi-Zeit in den Widerstand gingen und verfolgt wurden, schloss sich Sauvigny den braunen Machthabern an“ (Augustin u. Teigeler 2025). Das war ja nicht ungewöhnlich: Die Mehrheit der Leute „im schwarzen Sauerland“ fügte sich damals den nationalsozialistischen Vorgaben oder „heulte alsbald lautstark mit den Wölfen“ (Bürger 2021). Sauvigny hatte sich persönlich um die Mitgliedschaft in der NSDAP bemüht. Was Lokalhistoriker herausgefunden haben, belegt, dass Sauvigny Täter und nicht Mitläufer war (Schwarz 2004): Nach der Machtergreifung trat er am 1. Juli 1933 der SA der Reserve bei und wurde 1935 zum Oberscharführer befördert. Er war es, der die Nürnberger Rassengesetze umsetzte1. Am 1. Mai 1937 trat er in die NSDAP ein. Friedrich Merz wuchs das erste Jahrzehnt seines Lebens in dem Haus seines Großvaters auf. Es ist ein stattliches Barockgebäude, das bis heute als „Haus Sauvigny“ bezeichnet wird. In einer Presserklärung – als Antwort auf den ersten taz-Artikels, behauptete Merz, Sauvigny sei „ohne sein Zutun“ zum SA-Unteroffizier befördert und in die NSDAP „überführt“ worden. Als Beleg für dessen NS-kritische Haltung zitierte Merz einen Artikel im „Stürmer“, in welchem der Briloner Bürgermeister als "Judengenosse" beschimpft wurde. Merz unterstrich zugleich, dass er seinen Großvater keineswegs als sein „größtes politisches Vorbild" sähe. Die taz-Berichterstattung sei „widerlich“ (Levine 2004). Andererseits schrieb die Sauerländer Zeitung am 2. Juli 1937, als Sauvigny frühzeitig pensioniert wurde: „Sein Amt verwaltete er stets im nationalsozialistischen Geiste“ (Teigeler 2004).

 

3.2. Sauvignys 1. Mai-Rede

Ungeachtet dieser prekären Laufbahn rief Sauvignys Enkel dazu auf, das „rote Rathaus“ der Stadt „zu stürmen“. Wie bestens bekannt ist, wurden 1933 viele „rote Rathäuser“ gewaltsam gestürmt. Sauvigny selbst pries in seiner Rede zum 1. Mai 1933 die „nationale Revolution“ als „Sturm“, der das Land von den „giftigen Dünsten“ einer „missverstandenen Freiheit“ reinige (Schwarz 2004). Ganz offensichtlich stellt Merz sich hier in eine geistig-politische Tradition, in die sich bereits der Großvater mit einem sichtlichen, jedenfalls zur Schau gestellten Enthusiasmus eingereiht hatte. Über diese Rede und die 1. Maifeier berichtete die Sauerländer Zeitung am 3. Mai 1933.

„Das äußere Hauptereignis des National-Feiertages in Brilon bildete der Festzug. Um allen Mitbürgern die Möglichkeit zu bieten, sich an ihm und an der Kundgebung in der Schützenhalle zu beteiligen, war zuvorkommend die in früheren Jahren abends 8 Uhr stattfindende Maiandacht auf 4 Uhr nachmittags verlegt worden. So konnte denn auch der Festzug ein Ausmaß annehmen, wie es Brilon wohl nur selten erlebt haben wird. Alle Vereine der Stadt traten an ihren Sammelplätzen an und marschierten dann zum Marktplatz, wo der Zug seine Aufstellung nahm […]. Und in der Tat waren alle Kreise der Bevölkerung im Festzuge vertreten: Neben dem Arbeiter mit der schwieligen Faust der Geistesarbeiter, alles ohne Unterschied von Klasse, Stand, Beruf, Partei und Bekenntnis. Durch die Straßen der Stadt bewegte sich der Zug zur Schützenhalle, wo er sich auflöste. Die Fahnenabordnungen marschierten in den Saal und nahmen dort Aufstellung. Wie der Marktplatz, die Straßen und Häuser, so trug auch die Schützenhalle reichen Festschmuck, Tannengrün, Guirlanden, Kränze, Wimpel und Fahnen, Embleme usw.“ (Berger 2021).

Ist dies das „Stadtbild“, das Kanzler Merz vorschwebt? Jedenfalls wird weiter berichtet, dass der Bürgermeister, also Sauvigny, „nach einem flott gespielten Marsch der Musikkapelle“ das Wort ergriffen hatte. Hier ist seine Begrüßungsansprache:

„Das neu geformte Deutschland feiert heute seinen ersten Nationalfeiertag. Frühlingshaft, wie der erste Mai, und der Schmuck unserer festlichen Straßen, jung und kraftvoll wie die Scharen seiner jugendlichen Träger, so steht das neue Reich vor uns. Noch brausen die Stürme der nationalen Revolution über es hinweg, diese Frühlingsstürme, die allen Unrat hinwegfegten, die die Wolken verjagen, die uns bisher die Sonne rauben wollten. Dieser Sturm, der so manchen hart ankommen mag, er wird sich legen, nachdem er die Luft gereinigt hat, von allen giftigen Dünsten, die sich in Jahren missverstandener Freiheit und ohnmächtiger Selbstzerfleischung angesammelt hatten.“ (Berger 2021).

Der Signifikant des Sturmes wird hier näher expliziert. Es handelt um nationale Stürme, um Frühlingsstürme, die Unrat hinwegfegen, die die Wolken verjagen und die Luft von giftigen Dünsten reinigen.2 Es ist ein Sturm, der „manchen so hart ankommen mag“. Der Bürgermeister spricht nun weiter:

„Dann erst wird die schwerste Zeit beginnen, die harte, entsagungsschwerste Arbeit des endlichen Wiederaufstieges. Doch während bisher sich deutsche Kraft und deutsches Aufbaustreben zerspalten und verbluten am Parteigezänk und ewigen Führerwechsel, ist es heute ein Wille, der uns eint, eine Kraft, die uns leitet, ein Führer, der uns ruft. Vergessend des Parteienhasses von gestern, hat das große Sammeln begonnen, die Einigung aller Deutschen, deutschen Blutes zur gemeinsamen Tat, deren Sinnbild der heutige Festtag ist.“ (Berger 2021).

Sauvigny kommt dann auf die „deutsche Arbeit“ zu sprechen, die wohl in einem deutlichen Kontrast zur „Drecksarbeit“ steht, dem dritten Begriff, der im folgenden Absatz behandelt werden soll.

„Es ist nicht die Schönheit unseres Vaterlandes, die uns in der Welt die Geltung verschafft, die wir fordern. Es ist nicht die Größe vergangener Jahrhunderte, die die anderen Völker vergessen haben. Das, was die Völker der Welt uns zu Freunden wirbt oder zu Feinden zwingt, das ist die Qualität der deutschen Arbeit; der Arbeit, die aus ungebrochenem Lebenswillen ihre Impulse schöpft, die in deutscher Verstandesleistung ihre Qualität besitzt, die in zähester Gründlichkeit und altpreußischer Zucht, ihre unnachahmliche Ausführung erhält. Diese gemeinsame deutsche Arbeit zu feiern, haben wir uns hier in erhebend großer Zahl vereint. Im Auftrag der National-Sozialistischen Deutschen Arbeiterpartei heiße ich Sie alle auf das herzlichste willkommen“ (Berger 2021).

Und er beschließt seine Rede folgendermaßen:

„Ich bitte Sie, sich zu erheben und mit mir einzustimmen in den Ruf: Das arbeitende deutsche Volk, sein ehrwürdiger Reichspräsident, die Verkörperung deutscher Treue, der Kanzler Hitler, sein tatgewordener Aufbauwille, sie leben hoch, hoch, hoch!“ (Berger 2021).

Es folgen dann eine Rundfunkübertragung mit der Rede Hitlers, verschiedentliche Musikdarbietungen, bis die ganze Gesellschaft in den Maien tanzt.

 

4. Die Drecksarbeit

4.1. Die Drecksarbeit in Kyjiv

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 besetzte die Wehrmacht die Ukraine, so auch Kyjiv, die Hauptstadt der Ukraine, in welcher zu diesem Zeitpunkt noch etwa 50.000 Jüdinnen und Juden lebten. Viele waren zuvor Richtung Osten geflohen oder zur Roten Armee einberufen worden. Einige Tage nach dem Einmarsch begann eine Treibjagd auf jüdische Männer. Am 28. September tauchten dann Plakate auf, die dazu aufforderten, dass sich die jüdische Bevölkerung am nächsten Morgen an bestimmten Plätzen einfinden sollte. Wer der Aufforderung nicht folge, werde erschossen. Gleichzeitig wurde das Gerücht verbreitet, die Juden und Jüdinnen der Stadt würden umgesiedelt. Der Erfolg dieser Parole verblüffte sogar Himmlers SS. In der Ereignis-Meldung 128 resümierte das Reichsicherheitshauptamt (RSHA): „Obwohl man zunächst nur mit einer Beteiligung von 5000 bis 6000 Juden gerechnet hatte, fanden sich über 30 000 Juden ein, die infolge einer überaus geschickten Organisation bis unmittelbar vor der Exekution noch an ihre Umsiedlung glaubten“ (Jewtuschenka 1967). Die damals neunjährige Viktoria Iwanowa erzählt später: „Am nächsten Morgen wogte ein Menschenmeer durch die Kyjiver Straßen. Aus jedem Haus kamen Juden mit ihren Habseligkeiten und reihten sich ein“ (Smilga 2011). Sie schloss sich gemeinsam mit ihrer Mutter dem Menschenzug an. Die SS trieb die Menschen, vorwiegend Alte, Frauen und Kinder, zur Schlucht Babij Jar, die etwas außerhalb der Stadt lag. Als Viktoria und ihre Mutter dort Schüsse hörten, waren sie beunruhigt. Es gelang ihnen, sich aus der Menge zu entfernen und sich so zu retten. Aber die allermeisten Menschen mussten sich in der Schlucht nackt ausziehen und in Zehnergruppen am Rand der Schlucht stellen. Dann wurden sie erschossen. Hörr schildert die Vorgänge folgendermaßen:

„Die ‚schmutzige Arbeit‘ zieht sich über zwei Tage hin. Zwischendurch können sich die Erschießungstrupps am Küchenwagen mit Essen und Schnaps stärken. Die Bilanz ihres Mordens, penibel aufgelistet durch die SS: 33.771 getötete Juden. Die meisten werden erschossen, einige lebend begraben. Besonders bei Kindern spart sich die SS oft die Munition. Sie werden auf die Leichenberge geworfen und mit Erde zugeschüttet. Noch stundenlang sind in der Nacht die Schreie und das Stöhnen der Sterbenden zu hören“ (Hörr 2016).

Das Sonderkommando 4a, welches diese Morde durchführte, gehörte zur Einsatzgruppe C, eine SS-Einheit, die bereits eine Vielzahl von Massenerschießungen durchgeführt hatte. So berichtet Jetwuschenka:

„Das Massaker von Babij Jar ist nur ein Schritt auf der 1200 Kilometer langen Blutspur, die das Sonderkommando 4a unter der Führung des in Landsberg gehängten SS-Standartenführers Paul Blobel durch Südrußland zog. Am 22. Juni 1941 überschritt die rund 150 Mann starke SS-Truppe bei Sokal mit dem Wehrmachts-Troß die polnisch-russische Grenze. Sie folgte in dichtem, wenngleich sicherem Abstand der vorrückenden 6. Armee. Im Sommer 1942 hatte Blobels Truppe den äußersten östlichen Punkt erreicht: Bei Kalatsch in der Don-Steppe wartete sie – vergeblich – auf den Fall von Stalingrad. Hinter dem Mord-Kommando lagen zu jener Zeit bereits die Leichen von rund 80 000 Menschen, darunter etwa 70 000 Juden. Planmäßig hatten sie den von Reinhard Heydrich gegebenen Befehl befolgt, die rückwärtigen Gebiete von Juden zu ‚säubern‘“ (Jetwuschenka 1967).

Kurt Werner, der ein Mitglied dieses Sonderkommandos war, sagte 1947 vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal: „Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Nervenkraft es kostete, da unten diese schmutzige Tätigkeit auszuführen. Es war grauenhaft“ (Hörr 2016). Abbildung 1 zeigt eine Szene der Erschießungen.

Abbildung 1: Die Erschießungen in Babij Yar (Hörr 2016).

In dem Spiegel-Artikel vom 1.10.1967 über die Darmstädter Prozesse gegen die Mörder von Babij Yar heißt es:

„Über diese größte dokumentarisch belegte Mord-Aktion der Geschichte, begangen am 29. und 30. September 1941 bei Kyjiv, wird seit Montag dieser Woche vor dem Schwurgericht in Darmstadt verhandelt. Verantworten müssen sich in diesem ersten von zwei Prozessen elf Chargen des Sonderkommandos, denen es ohne Mühe gelang, nach Kriegsende wieder bürgerlichen Habitus zu gewinnen. Sechs davon wurden Kaufleute, einer gar, der ehemalige SS-Obersturmführer Adolf Janssen, Bankdirektor. Zwei begaben sich in den öffentlichen Dienst, und nur der ehemalige SS-Oberscharführer Viktor Trill, 61, fand den Anschluss nicht – er wurde Lagerarbeiter“ (Jetwuschenka 1967).

Einer der Angeklagten war der ehemalige SS-Obersturmführer August Häffner. Er prägte einen dieser Begriffe, die doch, so könnte man meinen, bis heute im sprachlichen Gedächtnis der Deutschen eingeschrieben sein müssten, in diesem Fall den Begriff der „Drecksarbeit“: „Wir mussten die Drecksarbeit machen“, so sagte Häffner vor Gericht: „Ich denke ewig daran, dass der Generalmajor Eberhard in Kyjiv sagte: ‚Schießen müsst ihr!‘“ (Hörr 2016). Und in einem Bericht der SS heißt es: „Wehrmacht begrüßt Maßnahmen und erbittet radikales Vorgehen“ (Hörr 2016). Die SS und die Wehrmacht arbeiteten durchaus zusammen. Die Arbeitsteilung im Rahmen dieser Kooperation, so Hörr, war aber auch klar. Die „Drecksarbeit“ lag in den Händen der SS und ihrer ukrainischen Hilfskräfte. Im Grund besteht hier eine dialektische Spaltung zwischen „Qualitätsarbeit“ und „Drecksarbeit“: Sauvigny feiert die deutsche Qualitätsarbeit, Häffner spricht von der Drecksarbeit. Der „Sturm“, der den „Unrat“ wegfegt, ist hier wie ein Operator der Negation zu verstehen, der zwischen den beiden Formen von Arbeit vermittelt.

Als Friedrich Merz auf dem G7-Gipfel im Juni 2025 den Begriff der „Drecksarbeit“ in einem Interview aufgriff, dachte ich unwillkürlich – und selbst voller Grauen – an die Juden-Vernichtung. Merz meinte mit „Drecksarbeit“ das Bombardement des Irans durch die israelische Armee, bei welchem auch iranische Zivilisten getötet wurden. Und der Kanzler wies darauf hin, dass diese „Dreckarbeit“ auch zum Vorteil der Deutschen ausgeführt werde, welche den Akt der Tötung delegieren.

 

4.2. Die Drecksarbeit heute

Sicherheitshalber befragte ich ChatGPT, was eigentlich mit „Drecksarbeit“ im Allgemeinen und dann im Kontext des Nationalsozialismus gemeint ist, um meine erste Assoziation mit dem Holocaust zu überprüfen. Ich erhielt folgende Antwort:

„Der Begriff ‚Drecksarbeit‘ wird im Allgemeinen umgangssprachlich verwendet, um unangenehme, schmutzige oder unangenehme Tätigkeiten zu beschreiben. Im Kontext des Nationalsozialismus hat dieser Begriff jedoch eine besonders dunkle Bedeutung erlangt. Er wurde häufig verwendet, um die Arbeit zu beschreiben, die von Menschen im Rahmen der nationalsozialistischen Verfolgung, insbesondere im Zusammenhang mit den Deportationen, der Vernichtung von Juden, Sinti und Roma sowie anderen Minderheiten, ausgeführt wurde. In diesem Zusammenhang wurde "Drecksarbeit" oft als euphemistische Bezeichnung für die unmenschlichen und grausamen Aufgaben benutzt, die von Menschen übernommen wurden, die an den Verbrechen des Regimes beteiligt waren. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass diese Begriffsverwendung die Grausamkeit und die unmenschlichen Handlungen des Nationalsozialismus verschleiern sollte, was heute als äußerst problematisch und inakzeptabel gilt.“ (ChatGPT, abgerufen am 11.08.2025).

Wie gesagt, die Aussage des Kanzlers fand in einem Interview während des G7-Gipfels am 17. Juni 2025 statt3. Diana Zimmermann, die Leiterin des ZDF-Hauptstadt-Studios, befragte ihn zum israelischen Angriff auf den Iran: „Ist es nicht sehr verlockend, dass die Israelis die Drecksarbeit machen für ein Regime, das viele auf der Welt für einen großen Störfaktor wahrnehmen?“.

Merz antwortete:

"Frau Zimmermann, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff Drecksarbeit. Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle. Wir sind von diesem Regime auch betroffen. Dieses Mullah-Regime hat Tod und Zerstörung über die Welt gebracht, mit Hisbollah, mit Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel. Das wäre ohne das Regime in Teheran niemals möglich gewesen. Die Belieferung Russlands mit Drohnen aus Teheran, ja die Drecksarbeit, die Israel da gemacht hat, ich kann nur sagen, größten Respekt davor, dass die israelische Armee den Mut dazu gehabt hat, die israelische Staatsführung den Mut dazu gehabt hat, das zu machen.“

Ist es nun tatsächlich „Drecksarbeit“, andere Menschen zu töten? Ganz offensichtlich scheint es eine Arbeit, andere zu töten, und diese Arbeit ist schmutzig, oder, um das auch emotional stärkere Wort zu verwenden: Sie ist dreckig. Warum ist sie dreckig? Weil man sich moralisch beschmutzt – oder ist es auch im körperlichen Sinne eklig, Menschen zu töten? Sicherlich bestückt der Begriff „Dreck“ das Register des Analen. Béla Grunberger (2000, S. 476) zeigte, wie stark die NS-Ideologie anal strukturiert war, d. h. wie verflochten Holocaust und deutsche Analität waren, etwa, wenn er die Gaskammern mit dem Gedärm vergleicht.

Aber ist der Begriff „Drecksarbeit“ ein Herrensignifikant im Sinne Lacans, der sowohl den Diskurs strukturiert wie auch eine s Verbindung zum Vor- bzw. Unbewussten herstellt – eines Unbewussten also, das die Tötung anderer Menschen in einen Bezug zur inneren Reinigung setzt – und wie ist es mit dem „Stadtbild“ und dem „Sturm“? Hier stellt sich die Frage, inwiefern manche Begriffe – z. B. Drecksarbeit, Stadtbild und Sturm Herrensignifikanten sind. Und wofür diese Begriffe in der aktuellen politischen – und mithin auch psychoanalytischen Debatte stehen. Welche unbewusste und bewusste Bedeutungsvielfalt umfassen sie? Welche bewussten und unbewussten Bedeutungen decken sie ab? Was implizieren sie, wenn sie heute diskursiv verwendet werden?

 

5. Die Funktion von Herrensignifikanten

5.1. Stadtbild, Sturm und Drecksarbeit

„Ein Signifikant ist das, was das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert“, so Lacans Definition des Signifikanten (Lacan 2006, S. 694). Damit ist gemeint: Ein Signifikant repräsentiert das Subjekt, und zwar in Bezug auf einen anderen bzw. auf einen weiteren Signifikanten; die Repräsentanz des Subjekts ist also immer in einem Kontext, d. h. in einem Netzwerk oder Rhizom aus weiten Signifikanten zu verstehen. Hier besteht also kein ein-zu-ein-Verhältnis, in diesem Sinne kein „naiver Realismus“ (Hook u. Vanheule 2016). Es werden also Signifikanten verwendet, um darzustellen, wer jemand ist, z. B. als „Politiker“, aber dieser Signifikant ist immer mit weiteren Signifikanten verbunden („fair“, „entschlossen“, „präsidial“, „außergewöhnlich“). Entsprechend ist der Kanzler in dem besagten Interview „dankbar“, dass die Journalistin den Begriff „Drecksarbeit“ aufwirft, und gegenüber der israelischen Regierung ist er „voller Respekt“. Er lässt sich durch den Signifikanten „Kanzler“ repräsentierten, und zwar mit Bezug auf weitere Repräsentanzen („Dankbarkeit“, „Respekt“). Merz ist also keine miese NS-Figur, er ist kein Himmler. Er ist ein Subjekt, das als Kanzler dankbar und respektvoll ist. Aber dann geht es weiter: der nächste Signifikant ist Israel, das diese „Drecksarbeit“, wie Merz bestätigt, ausführt – gegen ein Regime, von welchem „wir alle“ betroffen sind. Merz präzisiert: Es ist das Mullah-Regime. Daran schließt sich die Signifikantenkette „Tod – Zerstörung – Welt – Hisbollah – Hamas – 7. Oktober – Israel“ an, dann erneut das Regime mit „Teheran – Russland – Drohnen – Drecksarbeit – Israel – Respekt – Armee – Mut – Staatsführung“. In Situationen, so Hook und Vanheule (2016), in denen immer noch mehr gesagt werden könnte, ist es nötig, den Diskurs, der sonst ausufern würde, irgendwann zu beenden. Es braucht also die selbstreferenzielle Eigenschaft eines Signifikanten, die ausreichen muss, damit keine weitere Erklärung nötig wird. Selbstreferenzielle Antworten liefern keine ausreichenden Gründe, sondern greifen Gesagtes wieder auf und heben einen bestimmten Signifikanten über alle anderen („Meine Kinder bedeuten mir alles“). Auf diese Weise wird zumindest vorübergehend ein Fixpunkt etabliert, der eine Autorität besitzt oder sich in einem Glauben begründet. Die Empfänger dieser Botschaft reagieren auf Herren-Signifikanten, indem sie diese wie selbstverständlich akzeptieren: „Herren-Signifikanten erscheinen dann oft als unbestreitbare Aspekte einer diskursiven Position, als selbstvalidierende Anknüpfungspunkte an eine umfassendere ideologische oder persönliche Weltanschauung.“ (Hook u. Vanheule, 2016, übers. vom Verf.). Insofern sind Herren-Signifikanten häufig wiederholte und affektiv aufgeladene Begriffe, die ein bestimmtes Referenzsystem verankern. Es gibt unzählige Beispiele dafür: Von Herren-Signifikanten, die auf einer politischen und ideologischen Ebene operieren (wie „9/11“, „Freiheit“ oder „Mauerbau“) bis hin zu Herren-Signifikanten auf der ganz persönlichen Ebene. „Solche Signifikanten,“ so Hook und Vanheule (2016), „dienen dazu, eine disparate Reihe von Elementen zu integrieren und aus einer ansonsten unbestimmten (und oft beunruhigenden) Reihe diskursiver Elemente Effekte der Lesbarkeit zu schaffen“. In Seminar III beschreibt Lacan die Rolle des Herren-Signifikanten wie folgt: „Alles strahlt von diesem Signifikanten aus und ist um ihn herum organisiert. Er ist der Konvergenzpunkt, der es ermöglicht, alles, was in diesem Diskurs geschieht, zu verorten“ (Lacan 1993, S. 268). Die „unendliche Verweisungssequenz“ in den entsprechenden signifikanten Netzwerken kann nur durch das Eingreifen eines „Knotenpunkts“ verankert werden, indem dieser Knotenpunkt Bedeutungen fixiert. Im Prinzip wird der Herrensignifikant dadurch eine „leere, selbstreferentielle oder performative Geste“: Er nimmt „die Repräsentation einer inkommensurablen Totalität an“, ohne aufzuhören, etwas Bestimmtes zu bedeuten. Der Signifikant ist dann „gespalten zwischen der Bestimmtheit, die er noch ist, und der Bestimmtheit, die er nicht mehr ist” (Laclau 2004, S. 70, zit. nach Hook u. Vanheule 2016). Seine „eigene Besonderheit“ erlangt eine „unerreichbare Fülle“, in welche starken Affekte investiert sein können (Laclau 2004, S. 71). Ein solcher, an sich leerer, aber hochaffektiver Signifikant kann eine ganze Gemeinschaft vereinen (Stavrakakis 1999, S. 80).

Der Herrensignifikant (S1) interveniert also in einer „Batterie“ von Signifikanten (S2). Er interveniert in einer „signifikanten Batterie“ (Lacan 2023, S. 10) und ordnet diese zu praktikablen Formen des Wissens an. Er ist insofern selbst abhängig von dieser Batterie, die als Wissensfeld fungiert. Es ist nun das Subjekt ($), für welches das mit Hilfe des Herrensignifikanten hergestellte Wissen operativ wird. Lacan formalisierte diese Verhältnisse in folgendem Graph, der den „Diskurs des Herrn“ abbildet:

Abbildung 2: Diskurs des Herrn (Lacan 2023, S. 10).

Nehmen wir an, der Begriff „Drecksarbeit“, den der Kanzler als Geschenk erhielt, ordnet in seiner Funktion als Herren-Signifikant (S1) alle weiteren Signifikanten (S2), so strukturiert dieser Herren-Signifikant das Wissensfeld „Israel, Armee, Mullah-Regime, Teheran, Russland, Drohnen, Mut“ und wird mit den Affekten „Dankbarkeit“ und „Respekt“ aufgeladen. Meinerseits fügte ich die signifikante Batterie „Babij Jar, Juden, SS, Erschießungen, Wehrmacht, Analität und Dreck“ hinzu, und versah den Herrensignifikanten mit meinem Affekt des unwillkürlichen Grauens. Der Herrensignifikant der „Drecksarbeit“ ordnet also die signifikanten Netzwerke der heutigen Kriege in Nahost und des Holocaust unter dem Nazi-Regime. So stellt er eine „praktikable Form des Wissens“ zur Verfügung, welche sich mit der delegierten Tötung von Menschen befasst, d. h. die in Delegation von Personen erfolgt, die sich die Hände selbst nicht „schmutzig“ machen wollen. Insbesondere soll er „für alle“ gelten, d. h. wohl für alle Deutschen, vielleicht auch für alle Personen des imperialistischen Westens, der in Nahost Angriffs- oder Verteidigungskriege führen lässt.

Ähnlich ist es mit dem Signifikanten „Stadtbild“: Betrachtet man diesen als Herrensignifikanten (S1), ordnet auch er alle weiteren Signifikanten, indem er das entsprechende Wissensfeld strukturiert „Migration, Problem, Rückführungen, Töchter“. Dazu kommen weitere Signifikanten: „Verwahrlosung, Drogendealer, junge Männer, Osteuropa, arabisch-muslimischer Kulturraum, Innenstädte, Marktplätze, saubere Heimat“ sowie – meinerseits – die Verbindung zu Hitlers Beobachtungen auf den Straßen Wiens: „Kaftan, schwarze Locken, Juden, absondern, Seelenkampf“. Sturm ist dann der dritte Herrensignifikant mit der Batterie: „rotes Rathaus, roter Bürgermeister“ und der Affektivität eines „tiefen Grausens“. Der Großvater des Kanzlers hatte in seiner 1. Mai-Rede u. a. folgende Signifikanten verwendet: „Nationale Revolution, Unrat, reinigen, giftige Dünste, Wiederaufstieg, deutsche Kraft, deutsches Blut, Wille, Führer, Ruf, Treue, Hitler, Zucht usw.“ Diese ganze Batterie wird durch den Begriff des Sturms geordnet: Ein politischer Sturm, der die Subjektivität sowohl des Einzelnen wie der Gemeinschaft bestimmt – leer, universal und doch mit alltagskonkreten Facetten versehen.

So bildet sich durch die Verbindung von S1 und S2 das Subjekt: „$“. Es ist das Subjekt, welches das „Stadtbild“ von Unrat (Migranten) in einem „Sturm“ säubern will, die definitive, aber missliebige Vernichtung des Unrats, also die „Drecksarbeit“, anderen überlässt – voller Respekt. Es lässt sich nur mutmaßen oder allenfalls „errätseln“, gleichsam „erahnen“, was in dieser Dynamik „Objekt a“ (a) ist. Das Objekt a ist „alles was jetzt nicht aufgeht in diesem Spiel von Symbolisierung“, es ist der „Rest“ (Widmer 2004, S. 123). Objekt a ist nicht repräsentiert, d. h. wir kennen das reale Ding im Unbewussten nicht, dessen Effekt Objekt a ist. Aber die Herrensignifikanten (S1) dienen als Hinweiszeichen auf Objekt a. Ich schlage nun vor, dass die Herrensignifikanten, die wir untersucht haben, auf ein einziges Objekt a bzw. auf ein einziges reales Ding im Unbewussten verweisen, bzw. dass der Effekt von Objekt a diese miteinander in einem Verhältnis stehenden, gleichsam verwandten Herrensignifikanten bewirkt. Es scheint immer um Unrat, um Dreck, um giftige Dünste, um Säuberung und um ein „tiefes Grausen“ zu gehen – vor dem Unrat – d. h. der (jüdischen) Sozialdemokratie, den Flüchtlingen aus Syrien oder Afghanistan, sowie um Dankbarkeit und Respekt – etwa denen gegenüber, welche den Unrat beseitigen. Lacan spricht hier „von der Reduktion ganzer menschlicher Massen auf die Funktion von Exkrementen“ (Lacan, 2010, S. 379). Wie gesagt, Grunberger (2000, S. 476) beschrieb diese Analität als typisch für den deutschen Charakter, und er zögerte nicht, die deutschen Tötungsanlagen, die KZs mit ihren Gaskammern mit dem Phantasma von Gedärm, das verdaut, das Gas entwickelt und Totes (Kot) ausscheidet, gleichzusetzen. Vielleicht ist das anale Objekt a Kot, also das Exkrement, das infolge des Anspruchs des Andern definitiv in die Subjektivierung eintritt, indem der Andere – das ist in der Regel die Mutter oder eine andere frühe Erziehungsperson – verlangt, dass das Kind den Kot, der ekelerregend ist, der stinkt, der dreckig ist zurückzuhält, um dann exakt dieses Exkrement in einem vom Andern als richtig erachteten Moment als „Auswurf“ („rejet“) loszulassen. Analität, so erklärt Widmer ist der „Anspruch des Andern“, der Andere will, dass wir gehorchen (Widmer 2004, S. 131 f.). Hier dreht sich also der „erzieherische“ Anspruch des Andern4 plötzlich um – vom „Behalt es“ zum „Gib es“, wie Lacan in seinem Seminar X über die Angst sagt (Lacan 2010, S. 367 und S. 378 ff.). So ist das Exkrement nicht nur ein bloßes Exkrement, sondern ein „beanspruchtes“ (Lacan 2010, S. 369), das die Ursache des analen Begehrens ist (ausstoßen vs. einsperren).5

Abbildung 3: Der Andere erhebt Anspruch auf Objekt a (Kot) und setzt damit die entsprechende anale Subjektivierung in Gang (Lacan 2010, S. 367).

Der Anspruch des Andern löst im Subjekt aber eine „anale Angst“ aus. Sie hat einen „Charakter von Dominanz wie ein irreduzibler Kern“; diese Angst kann manchmal „unbeherrschbar“ sein (Lacan 2010, S. 369). Zunächst könnte man sagen: Die anale Angst besteht vor der Sanktion des Anderen, sei es, dass der Kot ausgestoßen oder zurückbehalten wird. Im Fall des Ausstoßens wird die Welt verschmutzt; dies ist ein aggressiver Akt, der eine wahre „Zerstörungslust“ implizieren kann (vgl. Amlinger u. Nachtwey 2024). Im Fall es Nicht-Ausstoßens wird der Kot dem Andern hingegen vorenthalten, um dieses anale Objekt möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt als Waffe verwenden zu können. Es würde also eine Angst bestehen, bestraft zu werden, sei es, dass der Kot ausgestoßen oder zurückbehalten wird. Später hat das Subjekt dann die Wahl zwischen submissiver Unterwerfung vs. rebellischer Autonomie (zurückbehalten bzw. ausstoßen – jeweils entsprechend oder entgegen dem Anspruch des Andern). Wird aber das exkrementielle Objekt – sei es als Akt der Unterwerfung oder Rebellion – nicht nur gefressen bzw. zurückbehalten, sondern ausgestoßen, klafft plötzlich ein Verlust auf, d. h. eine Abtretung, die eine immense Angst verursacht. Im Grund ist es die Angst vor der imaginären Kastration (Widmer 2004, S. 134). Allein schon die Möglichkeit kann Angst, also Signalangst auslösen: In diesem Fall ist „die fragliche Gefahr an den Abtrennungscharakter des konstitutiven Moments des Objekts a gebunden“ (Lacan 2010, S. 410). Kann es aber nicht auch angsterregend sein, wenn ein (toxisches) Objekt zurückbehalten wird? So wird die Angst zum Motor der analen Dialektik zwischen Verstoßung und Kidnapping des Kotes. Wenn wir die Angst aber kaschieren wollen, versuchen wir ein „Ichideal in Gestalt des Allmächtigen“ zu etablieren (Lacan 2010, S. 388) – sei es Adolf Hitler, der Reichskanzler oder sein Bürgermeister im sauerländischen Brilon. Aus dieser Perspektive, nämlich aus der Perspektive des analen Objekts a – geht es bei den erwähnten Herrensignifikanten der Drecksarbeit, des Stadtbildes und des Sturms um die anal-sadistische Befriedigung des – im Grunde unbekannten – Andern: Der Kot wird ausgestoßen, wobei die anale Reinlichkeit, die definitive Vernichtung des Kots an dritte Parteien delegiert wird. Der „anale Wind“, wie Lacan (2010, S. 377) sagt, begleitet diesen Akt, und der Ausstoßende äußert seinen Respekt vor dem anal-sadistischen Tun derer, welche die „Drecksarbeit“ ausführen. Es geht also, wie wir sehen, nicht nur darum, einen Herren-Signifikanten zu entdecken, als vielmehr die besondere Rolle zu hinterfragen, die dieser Signifikant spielt, etwa für die Produktion von Lust im ausgestrichenen Andern.

 

5.2. Schwarzes Loch und Paranoia

In Anlehnung an die Zeitdiagnosen der zynischen Vernunft (Sloterdijk) oder der fetischistischen Verleugnung (Žižek) argumentiert Fabio Vighi (2025a), dass die Glaubensstruktur unserer heutigen Gesellschaft zunehmend wahnhaft sei. Mit dem Zerfall symbolischer Strukturen verliere das Subjekt den Halt und sei gezwungen, sich auf Wahnvorstellungen zu stützen; d. h. es verhärtet sich auf Grund des Niedergangs der symbolischen Ordnung zu „geschlossenen, defensiven und verdinglichten Identitäten“ (Vighi 2025a). In dieser Welt eines Notfallkapitalismus, in welcher fake news, blanke Lügen, Korruption und Regellosigkeit vorherrschen, in welcher politische Bündnisse, die zumindest den Anspruch auf gemeinsame Werte kennen, zu Gunsten kapitalistischer Zweckverbände aufgelöst werden, scheinen es nur noch bestimmte Wahnvorstellungen zu sein, die unser prekäres Lebensgefühl stabilisieren – in Form kompensatorischer Fiktionen, welche die tiefgreifende Erosion des sozio-symbolischen Zusammenhaltes kaschieren sollen.6 Vighi beschreibt diese Verhältnisse folgendermassen:

„Unsere Zeit wird von Vorstellung dominiert, wir befinden uns in einer Art Zeitlupe des Abstiegs in ein albtraumhaftes Gefilde, in dem sich das Leben nicht mehr auf die Voraussetzung symbolischer Werte stützt und die Zukunft unaufhörlich in eine klaustrophobische Gegenwart zurückfällt. Dieser Abstieg ist so real und unumkehrbar wie die globale Souveränität des Kapitals – ein sich selbst verstärkender Profitdrang, der seine eigene Wertschöpfungsgrundlage liquidiert und ganze Bevölkerungen in Elend und Verwerfung stürzt. Wir können uns den Zusammenbruch unsrer Zivilisation wie die unwiderstehliche Anziehungskraft eines schwarzen Lochs vorstellen. Je mehr wir uns ihm annähern, desto mehr beginnt es, die äußeren Arbeitsgesellschaftschichten abzutragen und das Ende des transzendentalen Feldes kapitalistischer Raumzeit einzuläuten. Doch obgleich sich diese Meta-Fiktion vor unseren Augen auflöst, halten wir an der Verleugnung jeglicher Einsichtigkeit fest und glauben stattdessen fest an die ewige Erneuerbarkeit unseres sozio-ökonomischen Narrativs“ (Vighi 2025b).

So werden wir aktive Teilnehmende an der – im Grunde wahnhaften – Fantasie von den immensen Kräften eines Techno-Kapitals, d. h. eines „Finanzdämons“, welcher einer „kapitalistischen Bulimie“ frönt (Vighi 2025b, S. 150 f.) Durch diese kollektive Fantasie, d. h. durch die „Wahnvorstellung endloser Produktivität“ (Vighi 2025b, S. 8) konstituieren wir unser Selbstverständnis. Als eine „unbewusste automatische Maschine“ formt dieses „Techno-Kapital“ – ohne Rücksicht auf symbolische Bedeutung oder menschliche Bedürfnisse – ein „entsozialisiertes Subjekt“, das sich an die Autorität des Kapitals klammert, um sich damit vor dem Abgrund der Sinnlosigkeit zu schützen. So wird z. B. in dem „Techno-Optimist-Manifesto“ (Andreesen 2023). Technologie und Marktwirtschaft zur einer „Techno-Capital-Machine” zusammengefügt, die den Motor „ständiger materieller Schöpfung, des Wachstums und des Überflusses“ bilde. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Wandel von Zynismus („Ich weiß es genau, aber trotzdem …“) und Verleugnung („Ich will es lieber nicht wissen“) zur Selbsttäuschung („Es ergibt alles Sinn“) am deutlichsten im weitverbreiteten Verzicht auf jegliche Kritik an der politischen Ökonomie sichtbar wird (Vighi 2025a). Die zunehmend katastrophalen Auswirkungen akkumulationsgetriebener Regime werden nun durch gemeinsame Erzählungen stabilisiert, die zwischen Fantasien eines reibungslosen technologischen Fortschritts und bereinigten, symbolischen Antagonismen, die überhaupt nichts bedrohen, oszillieren – beide positionieren das Technokapital als unbestreitbares Organisationsprinzip des Lebens selbst (Vighi 2025a). Es handelt sich um ein gesellschaftlich sanktioniertes Wahnsystem, das angesichts zunehmender Barbarei und des sozioökonomischen Zusammenbruchs, das angesichts eines umsichgreifenden radikalen Unbehagens und der Gefühle von Ohnmacht versucht, die psychische Kohärenz zu bewahren. Amlinger und Nachtwey (2025, S. 37 u. S. 54) sprechen hier von einer „Gegenmoderne“ bzw. vom „Projekt der Gegenmoderne“, die sich „innerhalb formal demokratischer Gesellschaften“ entfaltet, welche aber von einer zivilen Elite, einer, wie sie sagen: „Ziviloligarchie“ beherrscht werden.7

In dieser Situation ist Paranoia kein chaotischer Zustand, wie man vielleicht meinen könnte, sondern vielmehr der Versuch, Sinn und Struktur zu schaffen. Die Paranoia – also das gesellschaftlich sanktionierte Wahnsystem – ist hier ein Bemühen, angesichts des Versagens der sozio-symbolischen Ordnung eine imaginäre Kohärenz herzustellen. Aus Lacans Perspektive ist Paranoia das Ergebnis einer Abwehr, welche die desaströse psychotische Erfahrung des Zusammenbruchs – oder der erwähnten Annäherung an das schwarze Loch – zu strukturieren versucht (Vighi 2025a).

 

5.3. Stabilisierungen des (wahnhaften) Diskurses

Die Herrensignifikanten, die Merz verwendet, können nun als Organisatoren eines wahnhaften Diskurses in Zeiten eines Kollapses verstanden werden. Alles, was stört – von der Sozialdemokratie im Jahre 2004 – die heutige Koalition ist wohl einer typischen „Ironie der Geschichte“ geschuldet - bis zu islamischen oder osteuropäischen Flüchtlingen, muss ausgeschieden wer-den. Die Herrensignifikanten von „Stadtbild“, „Sturm“ und „Drecksarbeit“ werden symbolische, anti-kollaptische Stützen angesichts des drohenden – oder sich bereits vollziehenden – apokalyptischen Breakdowns. Sie dienen auch dazu, das paranoide Glaubenssystem des Kapitalismus aufrechtzuerhalten und ordnend zu strukturieren. Vighi (2025a) bezieht sich hier auf den Vortrag Lacans: „Die Wissenschaft und die Wahrheit“, in welchem er die „geglückte Paranoia“ nicht nur mit dem Psychotiker (Schreber), sondern auch mit der Wissenschaft in Verbindung bringt – die „geglückte Paranoia“ als „Abschluss der Wissenschaft“ (Lacan 2015, S. 425). So lenkt die geglückte Paranoia von der Realität ab, indem sie einen Schirm, der phantasmatisch ist, über das Reale spannt. Wenn das Stadtbild – mittels des Sturmes, der dem Projekt der Gegen-moderne verpflichtet ist – gereinigt und die Feinde der kapitalistischen Weltordnung vernichtet werden, sollte der Kapitalismus durchaus imstande sein, weiterhin ein Wachstum, Aufstiegs-möglichkeiten, soziale Gerechtigkeit und Demokratie zu gewährleisten, wie Merz bereits vor Jahren proklamierte (Merz 2008). Merz bedient sich hier des analen Motivs, also – wie wir vermuten können (es könnte ja auch ganz anders sein) – der Beziehung der Herrensignifikanten zu Objekt a als Exkrement, d. h. in einer Beziehung zu einem analen Objekt. Hier wird also die Analität des Kapitals und der Analität des Wissens zu einer „geglückten Paranoia“ verlötet, die uns z. B. glauben machen soll, dass die Abkehr vom „Verbrenner-Aus“ gerechtfertigt ist, weil wir zukünftig genügend technische Möglichkeiten haben werden, Autos zu bauen, die fossile Brennstoffe benötigen und dennoch umweltfreundlich sind, und gleichzeitig Arbeitsplätze durch eine Unterstützung der weiterhin profitablen Autoindustrie erhalten bleiben. Kein Wort mehr vom „Green Deal“, nur Wahnsinn, Gier und Selbsttäuschung.

Insofern unsere Epoche also „durch die Konvergenz des wissenschaftlichen Diskurses und der kapitalistischen Produktionsweise strukturiert ist, bildet sie den idealen Nährboden für ein ge-glücktes paranoides Wissen. So sagt Vighi (2025a): „Geglückte Paranoia ist Wahnsinn, diszipliniert durch den Glauben des Subjekts (die verhärtete Überzeugung) an die Unfehlbarkeit des dominanten Diskurses unserer Zeit“. Was die heutige Paranoia aber ausklammert, ist die zerstörerische Beziehung zwischen Kapital, Arbeit und Technologie – also den „verfallenden Kern der kapitalistischen Produktionsweise“. Hier sind wir wieder bei der Angst, die im Dis-kurs der Herrensignifikanten „Stadtbild – Sturm – Drecksarbeit“ analer Natur zu sein scheint: Es ist erstens die Angst vor der Strafe des Anderen, falls das Subjekt dessen Anspruch nicht genügt – nämlich, die Exkremente auszuscheiden und deren Spuren zu beseitigen bzw. die Exkremente zurückzubehalten. Und es ist zweitens die – im Übrigen auch lustvolle – Angst vor dem Verlust des Körperinneren, vor der Abtretung bzw. dem Zurückbehalten toxischer Sub-stanzen. Der „verfallende Kern“ des Kapitalismus wird nun mit Hilfe metonymischer Verschiebungen auf andere Objekte nicht nur ausgeschieden, sondern auch vernichtet. Die Herrensignifikanten, welche den Kontakt mit Objekt a herstellen und das symbolische Wissensfeld strukturieren, haben dann die Aufgabe, nicht nur den Akt der Ausscheidung und Reinigung in die Wege zu leiten, sondern der analen Angst, die nicht täuscht, durch eine Symbolisierung, durch die Verbindung zum symbolischen Register zu begegnen. Insofern ist es die Aufgabe dieser Her-rensignifikanten („Stadtbild“, „Sturm“ und „Drecksarbeit“), die Identität des ideologischen Feldes, also der Gegenmoderne aufrechterhalten (vgl. Žižek 1989, S. 87), das der Gesellschaft eine – in diesem Fall allerdings wahnhaft - begründete Konsistenz verleihen soll.

 


1 https://de.wikipedia.org/wiki/Brilon#cite_note-39 [20.12.2025].

2 Dazu Viktor Klemperer: „Der Jargon des Dritten Reiches sentimentalisiert; das ist immer verdächtig.“ (2020, S. 46).

3 https://www.14dd5266c70789bdc806364df4586335-gdprlock/watch?v=yHr3q9lAdFM [20.12.2025].

4 Interessanterweise ist in dem obigen Graph nicht nur das Subjekt gebarrt bzw. ausgestrichen („$”), sondern auch der Andere („Ⱥ“). Damit ist – unter anderem – gemeint: dass die Wahrheit des Andern nicht garantiert ist; es fehlt immer etwas, der Andere ist unvollständig, behaftet mit einem Mangel (Evans 2002, S. 40). Der ausgestrichene Andere, der befiehlt, in einem Sturm das Stadtbild zu reinigen und die Migranten auszustoßen, die Feinde zu vernichten, ist selbst ein Mängelwesen. Aber es besteht auch immer ein (nicht-repräsentierter) Rest; und dieser reale Rest ist der „Anspruch im Andern“, den dieser gegenüber dem Subjekt erhebt (Lacan 2010, S. 367).

5 Auch für Abraham (1999, S. 119 ff.) geht es zunächst um ein sadistisch-lustvolles „Ausstoßen-Vernichten“: Die Migranten werden ausgestoßen, der Unrat wird vernichtet, und in einem nächsten Schritt um ein sadistisch-lustvolles „Behalten-Beherrschen“: Wer zurückbleibt, muss kontrolliert werden.

6 Im Dezember 2025 beschrieben die USA in ihrem aktuellen Strategiepapier einen Verfall Europas. Aus Sicht der US-Regierung stehe Europa vor dem Niedergang, werde zunehmend antidemokratisch geführt und gehe an einer ungezügelten Migration zu Grunde. Merz verwahrte sich gegen diese Sichtweise, setzte aber die Idee eines geeinten Europas bedenkenlos aufs Spiel, in dem er sagte: „Ihr braucht auf der Welt auch Partner, und einer der Partner kann Europa sein. Und wenn ihr mit Europa nichts anfangen könnt, dann macht wenigstens Deutschland zu eurem Partner“ (Spiegel 2025). Im Grunde folgt er hier Trumps Idee, dass einige Staaten des demokratischen Faschismus – wie Italien, Österreich, Polen oder Ungarn – aus der EU herausgelöst werden sollten, um den Verfall des wirtschaftlichen Groß-Konkurrenten zu beschleunigen (Affaticati 2025). Diese Vorgänge verdeutlichen die rasante Demontage der symbolischen Ordnung, welche ein Grundgefühl der Gefährdung und Unsicherheit vermittelt.

7 Amlinger und Nachtwey (2025, S. 41) unterscheiden zwischen „Frühmoderne“ (18.-19. Jahrhundert), „industrieller“ oder „organisierter Moderne“ (1920er-1970er), „Spätmoderne“ (1970er-2020er) und „Nachmoderne“ bzw. „Gegenmoderne“ (heute). Während die verschiedenen Formen der Modernität von den Vorstellungen von wirtschaftlichem Wachstum, Mobilität und Zukunftsoptimismus getragen wurden, lässt sich die Gegenmoderne eine Reaktion auf die Polykrisen (Klima, Kriege, Handelskriege, Pandemien, Veränderungen durch KI), den wirtschaftlichen Niedergang und den (drohenden) Abstieg der Individuen als „Klassenrealität“ begreifen (Amlinger u. Nachtwey 2025, S. 55).


Literaturverzeichnis

Abraham, Karl (1999 [1924]): „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen“. In: Psychoanalytische Studien, Bd. 1. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 113-183.

Affaticati, Andrea (2025): „Trump will Europa spalten – und mit Italien fängt er an“. In: n-tv (11.12.2025). https://www.n-tv.de/politik/Trump-will-Europa-spalten-und-mit-Italien-faengt-er-an-id30132754.html [20.12.2025].

Amlinger, Carolin u. Nachtwey, Oliver (2025): Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Berlin: Suhrkamp.

Andreessen, Marc (2023): „The Techno-Optimist Manifesto“. In: a16z (16.10.2023). https://a16z.com/the-techno-optimist-manifesto/ [20.12.2025].

Augustin, Kerstin u. Teigeler, Martin (2025): „Friedrich Merz und sein Naziopa: Kann Merz als Bundeskanzler dazu weiter schweigen?“. In: taz (08.05.2025).
https://taz.de/Friedrich-Merz-und-sein-Naziopa/!6086702/ [20.12.2025].

Bollinger, Lena (2023): „Der Staat ist Schutzengel des Finanzkapitals – Fabio Vighi über die Rettung der Wirtschaft durch Covid und die damit einhergehenden sozialen Verwüstungen. OXI Wirtschaft anders denken“. In: Oxi 3, 23. https://oxiblog.de/vighi-der-staat-ist-schutzengel-des-finanzkapitals/ [20.12.2025].

Bürger, Peter (2021): „Hitler, sein tatgewordener Aufbauwille, sie leben hoch, hoch, hoch!“. In: Zoom das Sauerland und mehr.
https://www.schiebener.net/wordpress/hitler-sein-tatgewordener-aufbauwille-sie-leben-hoch-hoch-hoch/ [20.12.2025].

Deutschlandfunk (2025): „Merz‘ Problem mit dem ‚Stadtbild‘“. In: Deutschlandfunk (23.10.2025). https://www.deutschlandfunk.de/friedrich-merz-stadtbild-migration-diskussion-100.html#Migranten [20.12.2025].

Evans, Dylan (2002): Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Wien: Turia + Kant.

Grunberger, Béla (2000): Narzißmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung. Mit Pierre Dessuant. Stuttgart: Klett-Cotta.

Hörr, Gudula (2016): „Das Massaker von Babi Jar: ‚Wir mussten die Drecksarbeit machen‘“. In: n-tv (29.09.2016). https://www.n-tv.de/politik/Wir-mussten-die-Drecksarbeit-machen-article18735846.html [20.12.2025].

Hamann, Brigitte (1996): Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München-Zürich: Piper.

Hook, Derek u. Vanheule, Stijin (2016): „Revisiting the Master-Signifier, or, Mandela and Repression“. In: Frontiers of Psychology, 6. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.02028.

Jewtuschenka, Jewgenij (1967): „Kalk von den Wänden“. In: Der Spiegel 41/1967 (01.10.1967). https://www.spiegel.de/politik/kalk-von-den-waenden-a-22990f2f-0002-0001-0000-000046289911?context=issue [20.12.2025].

Klemperer, Viktor (2020): LTI. Notizen eines Philologen. Ditzingen: Reclam.

Lacan, Jacques (2010): Die Angst. Das Seminar, Buch X. Wien/Berlin: Turia + Kant.

Lacan, Jacques (2015): „Die Wissenschaft und die Wahrheit“. In: Schriften II. Wien/Berlin: Turia + Kant, S. 401-428.

Lacan, Jacques (2023): Die Kehrseite der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch XVII. Wien-Berlin: Turia + Kant.

Laclau, Ernesto (2004): On populist reason. London: Verso.

Levine, Tom (2004): „Merz verteidigt Vita seines Großvaters“. In: Berliner Zeitung (22.01.2004). https://www.berliner-zeitung.de/archiv/ohne-eigenes-zutun-von-der-sa-reserve-in-die-nsdap-merz-verteidigt-vita-seines-grossvaters-li.723953 [20.12.2025].

Merz, Friedrich (2008): Mehr Kapitalismus wagen: Wege zu einer gerechten Gesellschaft. München: Piper.

o. A. (2025): „Merz nennt neue US-Sicherheitsstrategie in Teilen ‚inakzeptabel‘“. In: Spiegel (09.12.2025). https://www.spiegel.de/politik/deutschland/usa-friedrich-merz-nennt-teile-von-neuer-us-sicherheitsstrategie-inakzeptabel-a-372c698c-12a6-4acb-a194-cddb6dc966e0 [20.12.2025].

Schwarz, Patrik (2004). „Nicht der Opa ist das Problem: Der seltsame Stolz des Friedrich Merz“. In: taz (09.01.2004). https://www.hagalil.com/archiv/2004/01/merz.htm.

Smilga, Julia (2011): „Die Schlucht des Grauens“. In: Deutschlandfunk (23.09.2011). https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-schlucht-des-grauens-100.html [20.12.2025].

Stavrakakis, Yannis (1999): Lacan and the Political. London/New York: Routledge.

Vighi, Fabio (2025a): „Inside the bubble of ‚successfull paranoia‘: Lacanian reflexions on Techo-Capitalist Delusion“. In: The Philosophical Salon (10.11.2025). https://thephilosopicalsalon.com/inside-the-bubble-of-successful-paranoia-lacanian-reflections-on-techno-capitalist-delusion/ [20.12.2025].

Vighi, Fabio (2025b): Unverwertbar. Wahnvorstellungen einer zusammenbrechenden Welt. Wien: Promedia.

Widmer, Peter (2004): Angst. Erläuterungen zu Lacans Seminar X. Bielefeld: transcript.

Žižek, Slavoj (1989): The sublime object of ideology. London/New York: Verso.

 

 

Autor:in: Lutz Goetzmann, Prof. Dr. med. Psychoanalytiker (SGPsa/IPV), ist in eigener psychoanalytischer Praxis in Berlin tätig und hat seit 2014 eine apl. Professur an der Universität zu Lübeck inne.

Kontaktinformation: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.