Hannah Norden

Y – Z Atop Denk 2026, 6(5), 3.

Abstract: Der Atemklang der Gedichte versucht der Wesensexistenz des menschlichen Ich einer in Neuzeitgedichten angelegten lyrischen Existenz eine Seelenform zu geben, welche sich aus den sinnlich empfindsamen Bedeutsamkeiten eines eigens gewordenen Lebensweges schöpft. In einem ersten Gedicht Existenzaneignung durch Nicht-Existenz wird die Gegebenheit der Welt in Dissonanz zum eigens erlebten Nicht-Gegebenen in eine Vereinheitlichung zur seelischen Struktur gebracht; in einem zweiten Gedicht Von der Sinnhaftigkeit zu sein wird auf die existenziell bedeutsame diachrone Beweglichkeit zwischen Sinn und Sein sowie Sein und Sinn im Einklang zum Ein-Samen gearbeitet. Die sich einander zusammenbindenden Gedichte vier Barfuß leise gehe ich und fünf Der weiße Sand hell geworden begehen einen Weg zur Erlebbarkeit neuer Wege. Die Einblicke in die seelennahen lyrischen Existenzen schließen mit der erzählenden Widmung Entrissen und Sonnenverbunden an ein dem eigenen Lebenszusammenhang entnommenes Familienmitglied.

Keywords: Strand, Sand, Lebenszyklen, Neubeginn, Existenz, reines Dasein, Wunde, Entrissenheit, Wahrhaftigkeit

Copyright: Hannah Norden | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0

Veröffentlicht: 30.05.2026

Artikel als Download: pdfY – Z Atop Denk 2026, 6(5), 3


Existenzaneignung durch Nicht-Existenz

 

I.

Da stehst du in einer Welt
auf dich selbst zurückgeworfen

ohne Entwurf

Entwurfsskizzen haben versucht
die Haut des Lebens zu berühren

sind eingesunken
in eine Mannigfaltigkeit unbewährten Seins

 

II.

da stehst du in einer Welt
auf dich selbst zurückgeworfen

die Hand, die deinen eigenen Entwurf zeichnet,
erstarrt im Gelächter Anderer

die nicht zeichnen das wertvolle Andere in sich
unerkannt nachzeichnen, was ist ohne sich zu sein

 

III.

da stehst du in einer Welt
auf dich selbst zurückgeworfen

und trinkst aus dem getrübten Wasser des Lebens
versucht es zu reinigen

unertrunken

versuchst zu hellen die Sinne
auf das ungetrübte Wasser des Lebens

 

IV.

da stehst du in einer Welt
auf dich selbst zurückgeworfen

die sprudelnden Quellen
in deiner Brust unaufgedeckt

von denen du nähren möchtest

die ganze Welt in Gemeinsames.

 

Amrum, 09. April 2026

 

 

Von der Sinnhaftigkeit zu sein

Seelische Essenzen Abb 1

Amrum, 30. März 2026

 


Barfuß leise gehe ich

 

Barfuß leise gehe ich,
den Weg mit mir,
verändert mich

Ich weiß nicht wie ich gehen soll
ein Weg
nicht da
ein Leben in Moll

die Klarheit der Dinge erreich‘ ich nicht
die Einheit gegangen
in der einst lag mein Seelen-Ich

die Füße rund
zieh'n leise Kreise
die Seele wund
dort reift sie weise

barfuß leise gehe ich
den Weg durch mich
verstehe nicht

ich weiß nicht wie ich schwingen soll
der Ton
noch nicht da
von Dur in Moll

von Moll in Dur möcht‘ ich meinen Weg tanzen…

barfuß leise neue Wege pflanzen.

 

Ankunft auf Amrum, Anfang Oktober 2022

 


Der weiße Sand
hell geworden

 

I.

Still wenn es klingt
leise und weit

still wenn sie schwingt
die Reise der Zeit

II.

Der Rhythmus der Stille
reist durch die Nacht
seelenzarte Saiten
durch Sterne bewacht

III.

Die Sichel des Mondes
im eigenen Gewand
seelengetrübt
alles verschwand

IV.

Sand
der weiße Sand

V.

barfuß leise gehe ich
weht der Wind
so lebe ich

VI.

auf zieht das Ich ins Himmelsland
mit einem wahren Sein verwandt

im hell gewordenen Licht des Tages
der weiße Sand

VII.

barfuß leise gehe ich
die Füße warm
so gebe ich

VIII.

mich hin

leise und weit
in eine andere Zeit.

IX.

ins leise Land des Lebens

des Webens
des Schwebens

…da es singt…

leise und weit

XI.

uns alle in eine neue Zeit.

 

Ankunft auf Amrum, Herbst 2022

 


Entrissen
und
Sonnenverbunden

 

Erzählende Widmungsdichtung
an das unbegegnete Sein mit meiner cousine Christiane

Die Zeit steht still in den Jahren,
in denen meine kleine Kinderhand
deine große Kinderhand nicht mehr berühren kann

wenn ich laufe mit kleinen Füßen auf Sand

wenn ich blicke so jung
auf das weite Wasser

sehne ich mich nach etwas
von dem ich nicht weiß was es ist

die Sehnsucht ist so stark
dass ich anhalten möchte

für immer

auf einem Stein sitzend und warten.

Warten bis jemand kommt.

 

Einfach warten.

Vielleicht hört sie auf die Sehnsucht

wenn ich warte.

Warte auf etwas

Von dem ich noch nicht weiß was es ist.

Seit meinem Warten auf dem Stein sind viele Jahre vergangen.

So viele Jahre.

Nie haben wir einander gesehen,*
nie haben wir einander zusammengelebt.*

Mein Warten in mir hat keine Zeit.

Es ist ein zeitlos gewordenes Warten ohne Ende.*

Irgendwann einmal ein Foto von dir und mir.

Ein einziges Foto.*

Du und ich. Da bist du neben mir.

Deine große Kinderhand an meiner kleinen.

Wir laufen zusammen.

Ohne Zeit.

Da ist eine Berührung ohne Zeit.

Da ist eine Berührung, die immer da ist.


Sonnenverbunden


wärmt sie*

die Entrissenheit.*


Unvergessen.*


Flensburg-Lübeck, 23. Februar 2024

*Erweiternde Nachträge vom 9. April 2026


Autor:in: Hannah Norden befindet sich gegenwärtig im Prozess der wissenschaftlichen Qualifikation. Ihr Denken umfasst eine Inter- und Transdisziplinarität zwischen Philosophie (Phänomenologie), (Kultur-)Soziologie, Linguistik, und Erziehungswissenschaft in einer vorwiegend qualitativ ausgerichteten Forschungsarbeit zur Rekonstruktion unbewusster (latenter) Sinngehalte im empirischen Ausgang und in Anlehnung an die Psychoanalyse. Denkbeweglichkeiten liegen zwischen Kunst(lehre) und Wissenschafts(lehre); zwischen Sprache und Bild, zwischen Text, erlebter und erlebender Form. Im schriftstellerischen Schreiben widmet sie sich der Lyrik, dem Roman, dem Kinder- und Jugendbuch.

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