Ungarns messianistischer Antiuniversalismus und die Sehnsucht nach einer Neuen Weltordnung.

Ein Interview mit Magdalena Marsovszky über Esoterik als Modernisierungsabwehr

Interviewee: Magdalena Marsovszky
Interviewer:in: Peer Zickgraf

Y – Z Atop Denk 2026, 6(3), 2.

Abstract: Ungarn hatte sich als Mitglied in der Europäischen Union zwar den demokratischen Werten verpflichtet, aber in den letzten Jahren ist es nach und nach zu einer inzwischen beinahe vollkommenen Entleerung des Demokratiebegriffs im Lande gekommen. Das völkische Kollektiv ist – verfassungsmäßig niedergelegt – vor dem Individuum schützenswert. Die völkisch und transzendental, also vorpolitisch aufgefassten Begriffe von ‚Volk‘ und ‚Nation‘ sowie eine Neue Weltordnung mit dem ideologischen Hintergrund des Eurasismus als metaphysisch höhere Ordnung sind wichtige Elemente der Staatsideologie, die somit als antiindividualistisch, antiuniversalistisch und identitär bezeichnet werden kann. Allgemein zu beobachten ist eine menschenrechtsfeindliche Modernisierungsabwehr und ein konformistischer Autoritarismus. Die Ursachen dafür liegen in der mangelnden kritischen Reflexion doppelter Vergangenheiten, so einerseits in der der nationalsozialistischen und andererseits in der der – nicht weniger nationalistischen und autoritären – realsozialistischen. Dies führt zu einer Schuldumkehr, in der jetzt ‚Brüssel‘ und der ‚progressive Westen‘ als das neue ‚Moskau‘ und als neue Feindbilder wahrgenommen werden. Die völkische Ideologie hat bis heute allgemein eine größere Anziehungskraft als etwa der ‚unbequeme‘ demokratische Widerstreit, sie konnte bis heute nicht hinreichend durch erlernte Demokratie mit dem Grundsatz der Menschenwürde durchbrochen werden.

Keywords: Faschismus, völkische Esoterik, Eurasismus, Neue Weltordnung

Copyright: Magdalena Marsovszky, Peer Zickgraf | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0

Veröffentlicht: 30.03.2026

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Y: Liebe Frau Marsovszky, wir möchten uns ganz herzlich dafür bedanken, dass Sie sich Zeit nehmen für ein Interview über die Entwicklungen in Ungarn: Sie haben im Jahr 2025 ihre Dissertation mit dem Titel Erfindung und Okkultisierung des Magyarentums, der heilige Gral und die heilige ungarische Krone im renommierten Springer Verlag veröffentlicht. Der Untertitel lautet Völkische Esoterik in Ungarn als Gegenkultur und Modernisierungsabwehr. Wenn Sie aktuell nach Ungarn blicken: Was fällt Ihnen zuerst dazu ein?

Magdalena Marsovszky: Im Zusammenhang mit Ungarn fällt mir in den letzten Jahren zuerst der Begriff ‚kollektive Panik‘ ein. Nachdem die gegenwärtige Regierungskoalition von Fidesz und den Christdemokraten (KDNP) 2010 mit einer absoluten Mehrheit gewählt worden war, gelingt es der Opposition nicht, einen Regierungswechsel zu bewirken.

Das liegt erstens daran, dass die Orbán-Regierung in den vergangenen 16 Jahren das gesamte politische, kulturelle, wissenschaftliche und mediale Leben zu einem erheblichen Teil völkisch-illiberal-identitär transformierte, um mit verschiedenen Methoden, vor allem durch Verschwörungserzählungen und Hetze kritisch-reflektierende, empathiesierende Stimmen weitgehend zum Schweigen zu bringen. Hinzu kommt die Einführung eines neuen Staatsbürgerschaftsgesetzes nach dem völkischen „Recht des Blutes“-Prinzip, demzufolge ‚ethnische Magyaren‘ außerhalb der gegenwärtigen Staatsgrenzen, im Bereich von ‚Großungarn ante Versailles/Trianon (1920)‘ und somit auch außerhalb der EU, selbst dann wählen dürfen, wenn sie noch nie in Ungarn wohnhaft waren. Das Wahlgesetz wurde im Sinne von ‚the winner takes it all‘ geändert, die Wahlbezirke umstrukturiert, so dass die Regierung eigentlich nur mit einer absoluten oppositionellen Mehrheit abgewählt werden könnte.

Diese Einsicht führte 2017 dazu, eine oppositionelle Querfront von Links und Rechts, ja, ohne eine ‚Brandmauer‘, auch bis Rechtsaußen zu bilden. Die Idee, dass die ‚Orbán-Tyrannei‘ nur mit einer Gesamtopposition abgelöst werden könne, in der – ungeachtet der politischen Unterschiede – Linke und Rechte, ja sogar Rechtsextreme zusammenarbeiten sollten, kam erstaunlicherweise von der 2019 verstorbenen, berühmten Philosophin, Ágnes Heller (Daily News Hungary 2017). Diese Einstellung hat die Opposition in den letzten Jahren derart polarisiert, dass all diejenigen, die auf die Gefahren einer solchen Koalition oder Zusammenarbeit aufmerksam machen, als Verräter:innen beschimpft werden. Die panische Stimmung verdeckt den kritischen Blick, den es aber durchaus gibt, nur ist er extrem leise und wird leider auch in ausländischen, beispielsweise in deutschsprachigen Medien nicht so recht wahrgenommen. Diese verstärken eher die dominanten oppositionellen Stimmen aus Ungarn, die mit materialistischen und ebenfalls völkischen, ja zum Teil dehumanisierend gegen-argumentieren, die Regierung sei wie eine „parasitäre Finanzmafia“ in Form einer „Krake“, die, ohne eine Ideologie und ausschließlich von der Gier geleitet, die Nation in eine „Kleptokratie“ umgebaut hätte. Diese Sicht ist nicht nur strukturell antisemitisch, sondern lässt die Intention der Regierung außer Acht, die ja – wie ich in meinen Analysen zeige – bereits im Grundgesetz, seit 2012 in Kraft, niedergelegt ist.

Diese Intention ist in den Publikationen von ungarischen regierungsnahen Wissenschaftler:innen mit Verweis auf Vorbilder in der Weimarer Republik deklariert und ist an solchen Themen konkretisiert wie „Metapolitik“, die im Gegensatz zur Realpolitik einen permanenten spirituellen „Kulturkampf“ bedeute, von den Forderung nach einer „Anti-Aufklärung“, einer „konservativen Revolution“ und nach einer „kulturellen Hegemonisierung von rechts à la Gramsci“. Auch Begriffe, wie „völkisch“, „ethnopluralistisch“, „Eurasismus“ und „Neue Weltordnung“ – aber positiv und wünschenswert gemeint – gehören zum täglichen Regierungsnarrativ. Sie werden in der Opposition jedoch nicht beachtet, sie sind nicht Teil von Analysen.

Die Stimmen auf der zivilen Ebene, in queeren Communities, in einigen wenigen kirchlichen Gemeinden oder freien Theatern, in den wenigen noch verbliebenen Menschenrechtsorganisationen, in denen emanzipatorisch und im Sinne der Nächstenliebe und mit menschenbezogener Empathie argumentiert wird, werden in den deutschsprachigen Medien viel weniger wahrgenommen.

Bis jetzt wurde in Ungarn kein demokratisches Gegenmodell ausgearbeitet, stattdessen wird eher panikartig und kurzsichtig reagiert und eher nach einer Erlösung oder einem neuen Erlöser gesucht als nach einer demokratischen Transformation.

Es muss aber auch erwähnt werden, dass nach meiner Beobachtung in der Opposition der Begriff ‚Menschenrechte‘ heutzutage öfters vorkommt als noch vor einigen Jahren, und zwar ungefähr seit dem EU-Rechtsstaatlichkeitsverfahren gegen Ungarn, das primär wegen der massiven Verstöße gegen Grundrechte läuft.

Es ist sehr traurig, aber es gibt keine oppositionelle Demokratiebewegung. Es gibt einzelne Themen, die große Menschenmengen auf die Straße bringen, es gibt vereinzelte Akteure, die menschenrechtlich-emanzipatorisch agieren, doch von einer breiten oppositionellen Demokratiebewegung kann nicht die Rede sein.


Y: Sie leben und forschen in Deutschland: Welche Hoffnungen und Ängste überkommen Sie?


Magdalena Marsovszky: Ängste habe ich besonders, wenn ich sehe, dass die Orbán-Regierung die Kontakte mit Russland, mit der gegenwärtigen Regierung in den USA und auch mit anderen neurechten politischen Akteuren weltweit intensiviert, beispielsweise auch mit der AFD. Der Ausbau dieses identitär-neurechten Netzwerkes ist mit ihren Verschwörungserzählungen über einen ‚Eurasismus‘ und eine ‚Neue Weltordnung‘ eine große Gefahr für die Demokratie und die Europäische Union.

Angst macht mir auch die EU-feindliche Kommunikation der ungarischen Regierung, in der der Huxit, also der Austritt aus der EU, immer wieder thematisiert wird. Wäre das der Fall, würde nach meiner Meinung in der Region der nächste Krieg ausbrechen. Die ethnisch-völkische, abstammungsorientiert-gentilisierende Auffassung von Volk und Nation, die Toleranz verspricht, aber Intoleranz mit sich bringt, ist nämlich – historisch bedingt, aber kaum reflektiert – in ganz Mittel-Osteuropa verbreitet.

Der größte Feind dieser Ideologie ist der ‚Demos‘, der autonome Bürger, die autonome Bürgerin, also der Citoyen. Es ist auch eine antiindividualistische, frauen- und weiblichkeitsfeindliche, stark männlich-hierarchische Ideologie, in der die Frau nur in Abhängigkeit vom Mann, oder heilig-jungfräulich, aber nicht als autonome, selbständige Person gedeutet und in der auch Homosexualität zum Feind erklärt wird. Die Empathie ist nicht im Sinne der mitmenschlichen Verantwortung menschenfokussiert, in ihrem Mittelpunkt stehen vielmehr die transzendental-metaphysisch-kulturnationalistisch, organisch-abstammungsorientiert also vorpolitisch aufgefassten Begriffe von ‚Volk‘ und ‚Nation‘ als metaphysisch höhere Ordnung, für die man sich aufopfern solle.

Äußerst verbreitet ist in Ungarn der stereotypisierende, antisemitische, rassisierende, und dehumanisierende Diskurs unter den politischen Gegner:innen, was sehr bedrohlich ist.

Wenn ich nach einem diesbezüglichen Wunsch gefragt werden würde, wäre meine Antwort, ich wünschte mir in Ungarn eine intensive breite demokratiepolitische Bildung mit dem ethischen Fundament, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, die Achtung der Würde des Menschen auch unserem politischen Gegner gilt, und der Weg aus der dehumanisierenden zur menschlichen Gesellschaft es ist, anzuerkennen, dass diejenigen, die entmenschlicht werden, Menschen sind.

Ungarn hatte sich als Mitglied in der Europäischen Union zwar den demokratischen Werten verpflichtet, aber in den letzten Jahren ist es nach und nach zu einer inzwischen beinahe vollkommenen Entleerung des Demokratiebegriffs im Lande gekommen. Ein Grund hierfür liegt darin, dass die völkische Ideologie bis heute nicht hinreichend durch erlernte Demokratie mit dem Grundsatz der Menschenwürde durchbrochen werden konnte. Die auch im erwähnten Grundgesetz niedergelegte völkische Auffassung der Nation, hat bis heute allgemein eine größere Anziehungskraft, als etwa der ‚unbequeme‘ demokratische Widerstreit.


Y: Warum sind Sie Wissenschaftlerin geworden? Spüren Sie eine gesellschaftliche und historische Verantwortung?


Magdalena Marsovszky: Als ich in anfing zu studieren (Kunstgeschichte und Germanistik), war meine Intention noch keine gesellschaftspolitische. Doch ich hatte das große Glück, damals in Tübingen, sofort mit dem kritisch-reflektierenden Blick in Kontakt zu kommen. Später, in den Fächern Kulturpolitik und Kulturwissenschaften, in Ludwigsburg und erst recht dann, im Fach Soziologie in Köln, hatte ich bereits eine ganz klare gesellschaftliche und mitmenschliche Verantwortung. In allen Fächern, auch in denen ich das frühe Mittelalter behandelte, interessierten mich die Hintergrundideologie, der geistige Sinn im Hintergrund, die Deutungs- und Bedeutungsforschung, bzw. die Auslegungsgeschichten, das Unbequeme, so z. B. das Weibliche im männlich-hierarchischen Mainstream. So kam ich bereits früh auch mit der feministischen Theologie in Berührung, so dass ich eine Zeit lang die Bedeutung der Mariologie in der Kunst erforschte, und habe dabei zu meinem Entsetzen festgestellt, wie sehr das Weibliche auch in der christlichen Dogmatik über Jahrtausende unterdrückt wurde, was übrigens mit ein Grund für die Zunahme neupaganistischer Mystik nach der Aufklärung sein dürfte. All diese Studien haben meine Wahrnehmungssensibilität auch für Gegenwartsmetaphern geschärft. Sie sind wichtig, um die Verschwörungserzählungen und die esoterisch-spiritualistische Mystik, die z. B. die Antisemitismen, Rassismen, identitäre oder neofaschistische Einstellungen befeuern, und die heute zu meinen Forschungsschwerpunkten gehören, wahrzunehmen und zu deuten. Hinzu kommt natürlich die für die Nachaufklärungszeit so wichtige analytische Sozialpsychologie der Frankfurter Schule für die Deutung der Gegenaufklärung und Gegenmoderne, auf die ich mich in diesen Forschungsbereichen als theoretischen Hintergrund stützen kann.

Vor diesem Hintergrund bin ich seit langem sowohl in der Bundesrepublik als auch in Ungarn auch aktivistisch tätig, wobei ich hierbei oft an die Grenzen der Aufklärung stoße. Auffallend in Ungarn ist beispielsweise, dass die Kritische Theorie, die aber für den analytischen Blick so wichtig wäre, beinahe gänzlich abgelehnt wird, so auch in der Antisemitismus- bzw. in der Rassismusforschung. Auch die ethnische Sicht ist sehr stark präsent. In der Bundesrepublik hatte ich dagegen über viele Jahre den Eindruck, dass Ungarn quasi als ‚liebstes Kind der Deutschen‘ nicht kritisch gesehen wurde, heutzutage wird aber beinahe schon gebetsmühlenartig die materialistische Sicht der Opposition wiederholt und damit die verkürzte Sicht von außen rückbestätigt. Allgemein würde ich mir einen intensiveren kritisch-analytischen Zugang auf die Länder der ehemaligen sowjetischen, orthodox-marxistisch-autoritären Einflusssphäre wünschen, in denen ja ein ethnopluralistisches (völkisch-ethnisches) Volks- und Nationsverständnis vorherrschte, die gemeinsame Kulturpolitik daraus abgeleitet, und nicht zuletzt auch ein gemeinsames antiisraelisch-antisemitisches Antifaschismusverständnis propagiert wurde. Nach der Wende 1989 sind diese Ansichten bis heute lebendig geblieben. Vieles könnte heute besser verstanden werden, wenn die über Generationen tradierten Auffassungen begriffen werden könnten. Ungarn ist in diesem Zusammenhang ja nur ein exemplarisches Beispiel.


Y: Schauen wir uns nun das regressive Ungarn an, dessen Rechtsentwicklung Sie in Ihrer Studie über das heutige Ungarn nachgegangen sind: Was ist Ihr Hauptbefund?


Magdalena Marsovszky: Im Zentrum meines im Sommer 2025 beim Springer Verlag erschienenen Buches Erfindung und Okkultisierung des Magyarentums, der heilige Gral und die heilige ungarische Krone. Völkische Esoterik in Ungarn als Gegenkultur und Modernisierungsabwehr (Marsovszky 2025) steht das eingangs erwähnte, 2011 vom Parlament mit der absoluten Mehrheit der Orbán-Regierung verabschiedete Grundgesetz, bzw. seine Präambel, darin genauer eine abstammungsorientiert-gentilistische Sicht und drei völkisch-esoterische, metaphysisch-mythische Topoi, die die ideologische Richtung der Regierung vorgeben. Was hinter ihnen verborgen ist, steht im Fokus meiner Arbeit.

1.. Zunächst ist da der Untertitel „Gott segne den Magyaren“, der die erste Zeile der ungarischen Hymne aus dem Jahre 1823 ist. In ihm wird „der Magyare“, so in Einzahl, im abstammungsorientierten, gentilistischen Sinne gedacht.

2. Der Titel „Nationales Glaubensbekenntnis“ wurde von einem 1920 unmittelbar nach Abschluss des Vertrages von Versailles/Trianon entstandenen irredentistischen, esoterischen Gedicht einer führenden ungarischen Theosophin übernommen, die zusammenfasste, was viele in der Zeit dachten, nämlich dass die Magyaren Teil des ‚kosmisch-göttlichen Plans‘ mit dem Ziel der Erlösung der ganzen Menschheit seien. Der Titel bedeutet für die Regierung Auftrag und Mission zugleich.

3. Schließlich werden die „heilige Krone“ und die „historische Verfassung“ erwähnt.

Die ‚heilige Krone‘ hat nicht – wie man sich denken könnte – einen oberflächlichen Symbolcharakter, sondern wird als die höchste nationale Reliquie zum Sinnbild des Staates und der organischen Nation betrachtet. Die Bedeutung der ‚Hl. Krone‘ kann heute – nach Auswertung der relevanten Quellanlage – in fünf Punkten zusammengefasst werden:

1. Sie steht – entgegen der allgemeinen Regierungspropaganda – nicht für die christliche Nächstenliebe, sondern für die „Artenliebe“.

2. Sie steht für eine Lehre, die die Christlichkeit radikal in ihr Gegenteil verkehrt, und die kulturpessimistische Annahme vertritt, dass die christliche Erlösung versagt hätte, weil die Gegenwart degeneriert und entspiritualisiert sei, deshalb müsse die Welt durch einen spirituellen, charismatischen Führer erneut erlöst werden (dieser wird übrigens von den Anhänger:innen in Orbán gesehen).

3. Sie steht für eine Erlösung, die aber hier nicht die christliche Befreiung von den Sünden nach dem Tode bedeutet, sondern die Reinkarnation, an der aber nur die „Artgleichen“ teilhaben können.

4. Sie steht für ein esoterisches so genanntes ‚weißes, kosmisches Christentum‘, das von seiner jüdischen Herkunft ‚gereinigt‘ wird und in dem selbst Jesus ‚entjudet‘ als ‚parthischer Prinz‘ und Arier, also als ‚erwachter Mensch‘ und nicht als Gottessohn erscheint.

5. Sie vertritt einen ‚Universalismus‘, der aber gegenaufklärerisch und identitär ist.

Die Deutungsgeschichte des Mythos der ‚Hl. Krone‘ im ungarischen Kulturkreis und die des ‚Hl. Grals‘ im deutschen und europäischen Kulturkreis sind sich strukturell ähnlich. Im Unterschied zum ‚Hl. Gral‘ ist jedoch die ‚Hl. Krone‘ Bestandteil des von der Orbán-Regierung verabschiedeten Grundgesetzes. Wie es in Regierungspublikationen heißt, wird die ‚Hl. Krone‘ als juristische Person und als Rechtssubjekt betrachtet, also als eine über dem Staat stehende Entität. Das heißt, ein esoterisch-mythischer Kultgegenstand wird im ungarischen Grundgesetz zur „juristischen Persönlichkeit“ und zum „Rechtssubjekt“. Diese Deutung entstand in Anlehnung an die Staatslehre des 19. Jahrhunderts, an die sich wiederum die Staatslehre unter dem Hitler-Verbündeten Nikolaus von Horthy zwischen den beiden Weltkriegen stützte. Diese bewusst tradierten Deutungen sind auch in der Orbán-Regierung der Grund dafür, dass die Staatsgewalt nicht mehr als solche erscheint, sondern bei einem metaphysisch aufgeladenen Gegenstand, der ‚Hl. Krone‘, als Obrigkeit liegt, während das jeweilige Staatsoberhaupt die Staatsgewalt nur als zeitweiliger Verweser innehat.

Die so genannte „historische Verfassung“ wiederum, an anderer Stelle auch „tausendjährige Verfassung“ genannt, überhöht Ungarn zum „tausendjährigen Reich“. In ihr handelt es sich um die Sammlung älterer Gesetzestexte, Chroniken und schriftlich oder mündlich überlieferter Legenden ungarischer Kulturgeschichte, in der die eurasische Abstammungsthese vertreten wird. Es geht um Mythen des skythischen (eurasischen) und turanischen (altpersischen), also vorchristlich-primordialen (im Klartext: arischen) Ahnenkults, die aber an der wichtigsten Stelle des höchsten Gesetzes Ungarns eine Rechtskontinuität von der vorchristlich-primordialen Urzeit, dem ‚Goldenen Zeitalter‘, bis in die Gegenwart aufweisen sollen.

Diese mythischen Elemente werden in der Präambel aber nicht nur einfach so erwähnt, sondern es heißt sogar im Artikel R GG, dass alle verfassungsrechtlichen Bestimmungen im Einklang mit ihnen zu interpretieren seien. Zudem wird in Regierungspublikationen betont, dass die ‚historische Verfassung‘ für die Selbstidentität des Landes von elementarer Bedeutung sei. Während das Grundgesetz den rationalen Verstand der EU anspreche, sei die „tausendjährige historische Verfassung“ eine Herzensangelegenheit der Selbstidentität.

Somit wird also die Konstitutionalität Ungarns, die Quelle allen ungarischen Rechts, von einem vermeintlich in primordialen Urzeiten entstandenen spekulativ-mythischen Weltentwurf, genannt ‚historische Verfassung‘, abgeleitet, und von einem metaphysisch aufgeladenen, sakralisierten und personifizierten Gegenstand verkörpert, der ‚Hl. Krone‘ genannt wird. Die Realpolitik der Orbán-Regierung wird einer esoterischen Weltanschauung untergeordnet und angeglichen, in dem das völkische Kollektiv vor dem Individuum als schützenswert erscheint. Somit kann diese Staatsideologie antiindividualistisch, antiuniversalistisch und identitär bezeichnet werden.


Y: Welches theoretische Besteck bzw. Instrumentarium haben Sie in Ihrer Studie verwendet, um die Elemente der ideologischen Regression zu erfassen?


Magdalena Marsovszky: Als theoretische Folie boten sich für mich die Thesen in der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno an. Darin wurden die Strukturen eines gesellschaftstheoretischen Unterbaus umfassend umrissen, die die Entwicklung einer solchen identitären Position ermöglichen. In „Elementen des Antisemitismus“ (Horkheimer u. Adorno 2004) heißt es, dass in entfremdeten Gesellschaften, die sich an vermeintlich organischen archaischen Schemata orientieren, aus einer falschen und pathisch-projektiven Identifikation mit Volk und Nation ein paranoides System von Wahnvorstellungen entsteht. Motiviert wird es durch eine pseudoreligiös-projektive Suche nach einer verloren geglaubten Urharmonie (Bedeutung: völkisch-arische Paradiesvorstellung), die aber das den universalistischen Konfessionen innewohnende Motiv der Gnade, der Barmherzigkeit und der mitmenschlichen Verantwortung nicht kennt und deshalb als Ersatzreligion bezeichnet werden kann. Diese Pseudoreligion bedeutet vielmehr eine neu vergeistigte Götzenverehrung, die in das Kulturgut eingegliedert wird.

Die vermeintlichen Verteidiger:innen dieses Systems erscheinen wie Wagnersche Gralshüter als Elitegarden oder als ‚Gotteskrieger‘ mit einem Erneuerer der Erde (Führer) an der Spitze, durch die die Volksgenoss:innen mit der Legitimierung ihrer Wut rechnen können. Die imaginierte völkische Harmonie ist von Verfolgung nicht zu trennen, weil ihre Gleichheitsidee Feindbilder braucht.

Die Metaphysik ist in diesem Zusammenhang also von zentraler Bedeutung. Sie meint hier – wie Horkheimer in seinem Aufsatz „Materialismus und Metaphysik“ (Horkheimer 2011) schreibt – eine Wirklichkeit jenseits der physikalisch-materialistischen Realität mit dem Zusammenhang „des Einen, Unbeantwortbaren, des Großen, Unbekannten“. Das, was die Metaphysik im Auge hat, pflegt die materialistische Theorie weder als Ausgang noch als Ziel zu nehmen. Die diesseitige Metaphysik, von Detlef Claussen Alltagsreligion (Claussen 2005) genannt, ist in der ungarischen Politik und Kultur ein bis jetzt kaum reflektiertes Leitmotiv. Sie bietet angesichts der ohnmächtigen Angst, die durch die kollektive Unsicherheit moderner Gesellschaften ausgelöst wird, eine Art Erlösung.

Weil sie Eindeutigkeiten und damit Halt verspricht, führt sie auch zu kollektivem Konformismus. Diesseitig ist diese weltanschauliche Ersatzreligion deshalb, weil es in ihr dezidiert um säkularisierte Vorstellungen in einem völkischen und esoterischen Weltbild geht, das zu einer antimodernen Transformation der Gesellschaft führen soll. Damit hängen auch Versuche der gesellschaftlichen Selbstfindung durch Schuldabwehr und einen nationalen Opfermythos zusammen, weil sie zur Umkehrung der Täter-Opfer-Relation führen und das völkische und esoterische Weltbild weiter beflügeln. Zusammen mit Mythen und Neomythen stehen diese Tendenzen im Gegensatz zur Aufklärung.


Y: Wie integrieren Sie die psychoanalytischen Konzepte (Reich, Fromm) in die Ideengeschichte Ungarns, um die Rolle kollektiver Angst als Motor autoritärer Wünsche zu identifizieren?


Magdalena Marsovszky: Gleich nach der Wende 1989/1990 schrieb der 2005 verstorbene, analytisch und reflexiv denkende ungarische Schriftsteller, István Eörsi einen Aufsatz mit dem Titel „Schock der Freiheit“ (Eörsi 1993). Er fragte sich, was die kulturgeschichtlichen Faktoren gewesen seien, die bis heute der Entwicklung einer – im Sinne von autonomen Persönlichkeiten verstandenen – breiten bürgerlichen Schicht im Wege standen, obwohl sie für die demokratische und kulturelle Entwicklung des Landes wegen ihrer treibenden Kraft so wichtig wäre. Für mich war die assoziative Verbindung zu dem bekannten Buch Erich Fromms Die Furcht vor der Freiheit (im Englischen: Escape from Freedom 2003 [1941]) sofort klar. Für Fromm war ein zentrales Problem der modernen Gesellschaft die Entfremdung des Menschen von sich selbst, von seinen Handlungen und dadurch notwendigerweise auch von seiner Umwelt.

Meine Eingangsfrage war ebenfalls, wie es sein kann, dass Ungarn mit den Wahlen 2010, zwanzig Jahre nach der Wende 1989 und sechs Jahre nach seinem EU-Beitritt 2004, die Möglichkeiten einer menschenrechtlich-emanzipatorischen Entwicklung hin zu einer offenen Gesellschaft verspielte und erneut, wie Fromm es formulierte, die „Flucht ins Autoritäre“ ergriff, um sich damit selbst in den Zustand einer geschlossenen, autoritären Gesellschaft zu manövrieren. Ich fragte mich auch, ob es sein könnte, dass die Labels ‚lustigste Baracke des Ostblocks‘ und ‚freiheitsliebendes Land‘, die Ungarn im Realsozialismus (1945-1990) zugeschrieben wurden, auch schon das Ergebnis einer von außen kommenden konformistischen Nichtwahrhabenwollens und Rückbestätigung von einer nicht reflektierten Schuldabwehr in Ungarn waren.

Die Frage ist ebenfalls, was die Anziehungskraft der autoritären Regierungen (1998-2002 und 2010 bis heute) unter der Leitung von Viktor Orbán (*1963) ist, so dass die Regierungspartei Fidesz – trotz hoher Inflations- und niedriger Wirtschaftswachstumsrate, sowie geringer Wachstumskraft und trotz hohen öffentlichen Haushaltsdefizits – den Umfragen nach von der Mehrheit, bzw. von einer großen Mehrheit bevorzugt wird. Momentan, d. h. Anfang Februar 2026, ist die größte Oppositionspartei Tisza zwar beliebter, aber sie ist nicht viel demokratischer. Somit könnte sie, wenn sie Frühjahr 2026 die Parlamentswahlen gewinnt, so meine Einschätzung, nur einen Übergang im Demokratisierungsprozess darstellen.

Als mögliche Antwort auf die gestellten Fragen habe ich die völkische Esoterik als Alltagsreligion sowie die Metaphysik detailliert untersucht. Denn, so war meine Hypothese, die esoterische Metaphysik ist dafür verantwortlich, dass sich die Wähler:innen trotz finanzieller Einbußen dem Erlösungsversprechen der von Fidesz vertretenen Alltagsreligion Glauben schenken und sich zu ihr hingezogen fühlen.

Erlösungsträume, die einen vermeintlichen Halt bieten, sind in Ungarn gesamtgesellschaftlich zu beobachten. Im kollektiven Konformismus im Sinne Erich Fromms geht es vor allem um den Wesenszug des autoritären Charakters, in dem Abweichungen von einer vermeintlich existierenden Normalität abgelehnt oder verfolgt und der Individualismus, sowie liberaldemokratische Einstellungen und der Pluralismus nicht toleriert werden.

Es zeigte sich für mich als sinnvoll, den Rezeptionsprozess der ungarischen esoterischen Mythologien deshalb sowohl in seiner Chronologie, als auch eingebettet in die nicht-ungarischen Denktraditionen darzustellen, weil so erstens die Kontinuität ihrer bis heute kaum reflektierten mobilisierenden Wirkung nachvollzogen werden kann und zweitens Gemeinsamkeiten mit Denktraditionen anderer Länder eher zum Vorschein kommen können.


Y: Inwiefern spiegeln die ideologischen Elemente von Ungarns Regression die Zukunft Deutschlands und Europas?


Magdalena Marsovszky: Der Motor der dominierenden ethnozentrischen Nationalphilosophie in Ungarn kann auf der einen Seite auf einen starken Kulturminderwertigkeits- und Opferkomplex, auf das Motiv eines ‚völkischen Alleinseins‘ oder der ‚geplagten Nation‘ und auf der anderen Seite auf die Tendenz zurückgeführt werden, die Nation, das ‚heilige Vaterland‘, oder ‚heilige, tränengetränkte Muttererde‘ in eine metaphysische, quasi-göttliche Dimension zu erheben und als eine irdisch-metaphysisch-diesseitige Gottheit zu mystifizieren. Die Regierung greift bewusst zurück auf die so genannte irdisch-metaphysisch-sittliche Staatslehre Ende des 19. Jahrhunderts, so dass bei den Begriffen ‚Nation‘, ‚Heimat‘, ‚Kultur‘ und ‚Identität‘ die im kulturellen Erbe kaum hinterfragte und weiterhin lebendige Synonymisierung mit der ‚magyarischen Rasse‘ mitschwingt und so eine essentialistische ‚Gleichheit‘ herstellt. Der völkische, abstammungsorientierte Volksbegriff führt auch heute zur Unterscheidung zwischen ‚Lebenswerten‘ und ‚Lebensunwerten‘.

Der quasi-göttlichen Dimension von ‚Volk‘ und ‚Nation‘ wird dadurch eine metaphysische Deutungserhöhung verliehen, dass – in Anlehnung an die Staatslehre des 19. Jahrhunderts – die ‚Hl. Krone‘ auch heute nicht nur für die ‚magyarische Rasse‘, sondern sogar für die ‚magyarische Rassenhegemonie im Karpatenbecken‘ steht, womit der Revisionismus der gegenwärtigen Regierungsideologie zum Ausdruck kommt. Hinzu kommt, dass unter Einbeziehung des neupaganistisch-kosmotheistischen Spiritismus in Anlehnung an die östlichen Philosophien die ‚Hl. Krone‘ in der Gegenwart auch um eine weitere, nämlich um eine esoterische Deutung aufgeladen wird.

Diese Esoterik als Alltagsreligion nimmt in den gegenwärtigen neurechten, fundamentalistischen, identitären, neofaschistischen Bewegungen international zu. Zum Beispiel werden Bibelstellen oder andere Stellen von heiligen Schriften zitiert, aber so ausgelegt, dass sie nicht mehr universalistisch und im Sinne der Gnade, der Barmherzigkeit und der mitmenschlichen Verantwortung erscheinen, sondern in einer neuzeitlichen, gegenmodernen, gegenemanzipatorischen und gegenaufklärerischen Gnostik die Gesellschaften in Gut und Böse aufteilen.


Y: Bedurfte es in Ihrer Studie auch einer atopischen Denkweise, also einer Begriffsentwicklung bzw. eines Analyserahmens, der den gängigen politisch-theoretischen Rahmen des Nationalismus überschreiten musste?


Magdalena Marsovszky: Ja, der historische Faschismus oder heutzutage der Neo-Faschismus sind nicht ohne diese Herangehensweise zu verstehen. Wobei ich in meinen Arbeiten absichtlich den Begriff ‚Faschismus‘ meide, damit keine Missverständnisse entstehen. Ich folge dabei dem Rat des berühmten Faschismusforschers, Roger Griffin, der immer wieder betont, man solle in der analytischen und quellenorientierten Wissenschaft die Strukturen des Faschismus beschreiben, so könne man vermeiden, dass aus dem Wort eine Zuschreibung wird.

Es geht ja sowohl im Nationalismus als auch in der Esoterik um Metaphysik, also um Vorstellungen außerhalb der physischen Realität. In beiden ist die Suche nach dem vermeintlichen Urvolk, Urethnie oder Urrasse wichtig, doch während diese Suche in der nationalistischen Metaphysik im Großen und Ganzen in einem mehr oder weniger begrenzbaren geographischen Rahmen bleibt, bedeutet die ‚kosmische, bzw. kosmotheistische Blickrichtung‘, dass diese Suche nicht mehr in einem geographisch eingrenzbaren Gebiet erfolgt, sondern global, ja sogar in den kosmischen Bereich ausgeweitet wird.

Dabei wird das ‚eigene Volk‘ (Ethnos) als Teil einer neuen universellen Menschenart gesehen, das zur ‚Erlösung‘ der ganzen Menschheit beitrage. Die Abgrenzung nach innen und nach außen erfolgt ausschließlich durch den Glauben an die kosmotheistische, also arisch-göttliche Abstammung, in der das ‚Ethnos-Volkstum‘ als Teil des vermeintlich existenten ‚arischen Neuen Menschen‘ vorgestellt und auf eine vermeintliche Primordialität (Urharmonie, kosmisch-göttliche, arische Weltordnung) zurückgeführt wird.

Diese Weltanschauung vermittelt ein neues Evolutionskonzept, in dem die Entstehung der Menschheit nicht auf eine universalgöttliche, sondern auf eine kosmische Schöpferkraft zurückgeführt wird, und in der der Glaube verbreitet ist, dass die ‚Entartung‘ durch zyklische Reinkarnationen verhindert werden könne. Denn, so der Glaube, die ‚Entarteten‘ würden beim Prozess der Reinkarnation dauerhaft untergehen und ‚die Arier‘ neugeboren. Die ‚Kosmiker:innen‘ berufen sich dabei auf eine vermeintlich althergebrachte astrologisch-boreal-traditionelle (gemeint als arische) ‚höhere Ordnung‘ und Wissen im ‚Goldenen Zeitalter‘.

Die Esoterik ist der Gegensatz von Exoterik, die das Sichtbare, Materialisierte (z. B. der ‚Hl. Gral‘ oder die ‚Hl. Krone‘) des geheimen Wissens bedeutet, das geheime Wissen sei aber ausschließlich Eingeweihten vorbehalten. Als eingeweiht gilt man, wenn man die so genannte Initiation durchmacht. Die Initiation wiederum bedeutet Bewusstseinsöffnung oder Erwachen als ‚erwachter Wille in der metaphysisch höheren Ordnung‘. Sie kann beispielsweise durch ein Ritual oder durch Inhalte erfolgen, die ein Erweckungserlebnis liefern, wonach man sich fortan zur mystischen Kernidee des geheimen Wissens bekennt und damit in den ‚göttlichen (arischen) Zustand‘ gelangt. Der in Paris lebende britische Okkultist, Gaston de Mengel, Berater beim zweiten Mann des Dritten Reiches, dem Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, erklärte die Initiation als „Enthüllung einer Geheimlehre“, die mit der „körperliche(n) Übertragung einer Kraft, einer Gewalt“ einhergeht (Wegener 2013). Diese Definition gilt auch für die Initiation in der ungarischen Esoterik, auch in ihr wird darunter das Glaubensbekenntnis zu einer Geheimlehre verstanden. Dass die ‚Hl. Krone‘, also das museale Diadem aus dem 11. Jahrhundert, von der ersten Orbán-Regierung im Jahre 2000 aus dem Nationalmuseum feierlich ins Parlamentsgebäude überführt wurde, erfolgte bereits aus diesen Überlegungen heraus. Dass dabei die ‚Kraft spendende mythische Kernidee‘ nur in einem geschlossenen Kreis richtig verstanden wurde und wird, ist Teil dieser elitären Mystik.

Die Menschen, die durch die Initiation den göttlichen Zustand bereits erreicht hätten, können quasi als ‚Adepten‘ oder als „spirituelle Führer“, wie Orbán bereits vor 2010 von Protagonist:innen genannt wurde, die Idee weitertragen. Diese ‚Adepten‘, die Hüter des geheimen Wissens, die spirituelle Elite, sei imstande, da geheime Wissen verstehen zu können. Für die Anderen bliebe es unsichtbar. Die spirituelle Elite müsse nicht einmal im Geheimen agieren, denn die große (materialistische) Masse, bestehend aus nicht Eingeweihten, eh nichts davon verstünde. Erst mit der Überwindung des ‚Materialismus‘ und mit der Spiritualisierung – oder wie es in Ungarn heißt: Astralisierung – der Gesellschaft und der Menschheit werde das geheime Wissen für einen breiteren Kreis sichtbar, aber auch dann nur für diejenigen, die die dazu notwendigen Eigenschaften besitzen.

Esoterische Bewegungen sind gegendemokratische Sammelbewegungen unterschiedlicher Zirkel mit Erlösungsanspruch gegen das Establishment, folgen zumeist einem geschlossenen Erkenntnissystem und streben nach höheren Weihen.

Y: Ich sehe Anschlüsse an meine These des Rassismus als Menschenzoo: Gibt es in der rechts-extremen Mythologie Ungarns nicht auch Aspekte einer kuratierten völkischen Ideologie (in Museen, Wagner-Kult, nationale Hymnen, die politische Ästhetik), die einem zoologischen Blickregime auf das Andere entsprechen? Wäre hierbei nicht auch der Rekurs auf Lacans Großer Anderer hilfreich?

Magdalena Marsovszky: Ja, ganz sicher wäre auch Lacans Werk hilfreich! Mein Schwerpunkt liegt jedoch auf den gegenaufklärerischen und gegenmodernen Tendenzen, und auch der Bezug zum deutschen Sprach- und Kulturraum ist elementar. Denn auch die völkische Ideologie ist ja durch Wissens- und Ideologietransfer aus dem deutschen in den ungarischen Kulturraum gelangt. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es ja einen regen universitären Austausch, viele Studenten (wir können ja in dieser Zeit immer nur über Männer sprechen), die an deutschen Universitäten studiert hatten, brachten neue Impulse ins Kronenland Ungarn, während auf den anderen Seite viele Studenten aus dem Kronenland deutsche Universitäten besuchten. Die Universität und die Stadt Göttingen entwickelten sich beispielsweise zu einem wissenschaftlichen und geistigen Zentrum der ungarischen Intelligenz und Gelehrsamkeit. Deshalb ist für mich eher die Reflexion im Zusammenhang mit der Dialektik der Aufklärung grundlegend.

Ja, es gibt auch kuratierte völkische Ausstellungen oder Monumente sowie esoterisch-liturgische ‚Heiligtümer‘, die die bekannten Topoi aus der ‚Hl. Kronenlehre‘ mit nationalem und heidnischem Messianismus verbinden, doch sie stellen weniger ‚den Anderen‘ in den Mittelpunkt, sie besinnen sich vielmehr auf die eigene primordiale (arische) ‚Größe‘ und ‚Erhabenheit‘. ‚Der Andere‘ ist dabei immer durchaus immanent enthalten, aber nicht vordergründig.

Indem sie das Kommen einer neuen heidnischen Gottheit und die antiuniverselle ‚nationale Wende‘ heraufbeschwören und mit ihrem völkischen Evangelium die esoterische (gnostische) ‚Erlösung‘ (von den Feinden) verkünden, indem sie das Bild der Nation als blutmäßige und astralisierte Abstammungsgemeinschaft und gesunde, reine, sündlose, ‚heilige‘ Einheit des Volkes vermitteln und dieses Bild sakralisieren, befeuern sie zugleich die dem Erlösungsversprechen immanent innewohnende innere Dynamik der Gewalt, dass also die ‚Atheisten der Nation‘, die ‚Judasse der Nation‘, also diejenigen, die universal denken, oder aber diejenigen die die ‚völkische Reinheit‘‚ die ‚weiße Rasse‘ gefährden, ‚entfernt‘ werden.


Y: Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus: Wie lässt sich die These von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey (2025) mit dem Befund Ihrer Studie verbinden?


Magdalena Marsovszky: In dem Buch werden die Elemente des Faschismus richtig beschrieben, doch in meiner Analyse steht viel eher das Motiv der ‚Erlösung‘ im Mittelpunkt. Zudem werden in der Rassenmystik die Protagonisten dieser Art Metaphysik ‚Erbauer‘, während diejenigen, die der Metaphysik im Wege stehen, ‚Zerstörer‘ genannt. Das Selbstverständnis ist also ein anderes. Sie kommen nie mit einer Zerstörungslust daher, in ihrem Selbstbild tun sie Gutes, Notwendiges, Erlösendes. Mit Lust hat die ganze Ideologie auch nichts zu tun, eher mit Askese, mit Entsagen und mit Selbstaufopferung für höhere Ziele.


Y: Liebe Magdalena Marsovszky, wir danken Ihnen für das Interview!


Magdalena Marsovszky: Ich bedanke mich ebenfalls!

 


Literaturverzeichnis

Amlinger, Carolin u. Nachtwey, Oliver (2025): Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Berlin: Suhrkamp.

Claussen, Detlef (2005): Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt/M: Fischer, S. 7-32, hier: S. 20.

Daily News Hungary (2017): „Holocaust-survivor professor: ‚Jobbik was never a neo-Nazi party‘“.
https://dailynewshungary.com/holocaust-survivor-professor-jobbik-never-neo-nazi-party/ [20.01.2026].

Eörsi, István (1993): „Der Schock der Freiheit“. In: Bayer, József u. Deppe, Rainer (Hg.): Ungarn auf dem Weg in die Demokratie. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 67-76, hier: 69.

Fromm, Erich (2003): Die Furcht vor der Freiheit. München: dtv.

Horkheimer, Max u. Adorno, Theodor W. (2004): „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“. In: Dies.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/M.: Fischer, S. 177-217.

Horkheimer, Max (2011): „Materialismus und Metaphysik“. In: Traditionelle und kritische Theorie. Fünf Aufsätze. Frankfurt/M.: Fischer, S. 7-42.

Marsovszky, Magdalena (2025): Erfindung und Okkultisierung des Magyarentums, der heilige Gral und die heilige ungarische Krone. Völkische Esoterik in Ungarn als Gegenkultur und Modernisierungsabwehr. Wiesbaden: Springer VS.

Wegener, Franz (2013): Heinrich Himmler: Deutscher Spiritismus, französischer Okkultismus und der Reichsführer SS (Politische Religion des Nationalsozialismus: Bd. 4, Der Äther). Gladbeck: KFVR – Kulturförderverein Ruhrgebiert e.V., S. 84 ff.

Zickgraf, Peer (2023): Rassismus als Menschenzoo. Zur politischen Theorie und Psychoanalyse rassistischer Grenzregime und kultureller Zoologiken. Baden Baden: Tectum.

 

Interviewee: Dr. Magdalena Marsovszky, gebürtig aus Ungarn, ist Kunsthistorikerin, Kulturwissenschaftlerin und promovierte Sozialwissenschaftlerin und arbeitet zur Zeit als freie wissenschaftliche Autorin. Sie ist Mitglied im Forschungskolleg „Rechtspopulismus“ (Autoritäre Entwicklungen, extrem rechte Diskurse und demokratische Resonanzen) an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, Mitglied im Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e.V. (https://forschungsforum.net/) und in der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, GFA (https://www.antiziganismusforschung.de/). Ihre Forschungsschwerpunkte sind völkische Esoterik und raciale Harmonievorstellungen, integrale Tradition, Rassenmystik, Kosmismus, Kultur, Kulturpolitik, Antisemitismus und Antiziganismus.

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Interviewer:in: Peer Zickgraf, Dr. phil., ist Dipl.-Politologe und Autor politikwissenschaftlicher und psychoanalytischer Texte. Heute lebt er in Berlin sowie Duisburg und arbeitet als psychoanalytisch orientierter Coach und Sozialpädagoge.

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